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LIMINA - Grazer theologische Perspektiven
Limina - Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
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Page - 158 - in Limina - Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2

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159 | www.limina-graz.eu Hildegard Wustmans | Missbrauch – die Verspottung der Freiheit me angegriffen, vernichtet oder unter ihre Kontrolle gebracht. Da kommt es sicher nicht von ungefähr, dass vor allem spirituelle Gewalt auf Bezie- hungen abzielt: Niko, der seit einigen Jahren Bruder in der Gemeinschaft war und sich mitten im Noviziat befand, hatte von seiner Schwester einen von ihr selbst gestrickten Schal geschenkt bekommen. Da er nur wenig Kontakt zu seiner Familie haben durfte, war dieser Schal für ihn ein besonders kostbares Geschenk. [...] Als der Novizenmeister, der zugleich Nikos geistlicher Begleiter und Beichtvater war, von diesem Schal erfuhr, forderte er umgehend, dass Niko diesen Schal abzugeben habe, und zwar mit der Begründung, dass der Schal nicht dem in der Gemeinschaft üblichen Stil entspräche und dass er seine Anhänglichkeit an seine leibliche Familie förderte, von der Niko sich im Noviziat zu lösen habe. Niko übergab seinem Oberen den Schal.“ (Wagner 2019a, 132 [Hervorhebungen: im Original]) Wenn jemand in den Strudel einer solchen Beziehung geraten ist, in der es keine Selbstbestimmung mehr gibt, wenn die Vorgesetzte/der Vorgesetzte sagt, was zu tun und zu lassen ist, was richtig und falsch ist und es keinen anderen Bezugsrahmen mehr gibt, „dann kann diese Autorität buchstäblich alles von diesem Menschen verlangen, ohne dass dieser sich wehren könnte.“ (Wagner 2019a, 143 [Hervorhebungen: im Original]) Ein solches Vorgehen ist gewalttätig. Es führt Stück für Stück in die Isolati- on und in eine verstärkte Abhängigkeit. Letztlich hat man es mit Menschen zu tun, die spirituell, emotional und auch finanziell abhängig und damit ausgeliefert sind. Aus einem solchen Geflecht ist kaum zu entkommen. Und wenn es gelingt, dann ist es für eine/einen selbst wie auch für andere kaum nachvollziehbar, dass das alles möglich war. Aber es war möglich, weil die Täter*innen in missbrauchenden Systemen über eine ganze Palette an Mustern verfügen: Sicherheit und Orientierung, Zugehörigkeit zu einer Elite und Nähe zu besonderen Persönlichkeiten. Es herrschen eben zugleich mehr oder weniger verdeckt Druck und Zwang, Denk- und Sprechverbote, Kontrolle und Isolation. Wer sich irgendwann dann doch befreien kann, sieht sich häufig mit üb- ler Nachrede, Verleumdungen und Vorwürfen konfrontiert. Und die meis- ten missbrauchten Menschen sind in dieser Phase nicht nur psychisch und physisch am Ende, sie haben vielfach keine Zufluchtsorte mehr und stehen auch finanziell oft ganz mittellos da. Aus dem Geflecht der Abhängigkeit ist kaum zu entkommen.
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Limina Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
Title
Limina
Subtitle
Grazer theologische Perspektiven
Volume
2:2
Editor
Karl Franzens University Graz
Date
2019
Language
German
License
CC BY-NC 4.0
Size
21.4 x 30.1 cm
Pages
267
Categories
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