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LIMINA - Grazer theologische Perspektiven
Limina - Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
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Page - 175 - in Limina - Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2

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176 | www.limina-graz.eu Franz Winter | Hat neben Gottes Allmacht der freie Wille noch Platz? allerdings wird das Moment einer freien Entscheidung des Menschen, die in der ash‘aritischen Positionierung eigentlich nicht vorgesehen ist, stĂ€r- ker betont, ohne damit die Allmacht Gottes einzuschrĂ€nken (zur Posi tion MāturÄ«dÄ«s vgl. Rudolph 2015, 90–92 und 112; Cerić/Al-Attas 1995, 208– 233). Das grundsĂ€tzliche Ergebnis der Diskussion in der sunnitischen Tradition und deren vielfĂ€ltige FortfĂŒhrung Bei allen feinen Unterschieden lĂ€uft eine grundsĂ€tzliche Positionierung innerhalb der sunnitischen Tradition damit auf eine Art Kompromiss- formel hinaus: Den Überlegungen zum Themenkreis al-qaᾍā’ wa-l-qadar vorgeordnet ist die Annahme, dass Gott alles weiß und alles bestimmt und alle menschlichen Handlungen bereits aufgezeichnet vorliegen. Doch wird damit das freie Handeln des Menschen nicht annulliert, vielmehr ist der Mensch ein Akteur, der handeln muss, als ob ihm freier Wille gegeben wĂ€re. Denn nur so sind das Moment der Entscheidung zwischen Gut und Böse und die dementsprechende Retribution fĂŒr diese Handlungen, die einen so prominenten Platz im Koran und weiteren grundlegenden Texten der Traditionsbildung einnehmen, sinnvoll wahrzunehmen.8 Der Mensch han- delt also auf Basis seiner „Wahl“ (ikhtiyār) und seines „Willens“ (irāda) und fĂŒhrt dann die „Handlung“ aus (fa‘ala), wird also von Gott nicht willenlos zu etwas gezwungen. Doch ist letztendlich jegliche menschliche Handlung und ihre BegrĂŒndung im unerfasslichen Ratschluss Gottes bereits vorher- bestimmt. Betont werden muss, dass bei allen Festlegungen der grundsĂ€tzlichen Posi- tionierung eine beachtliche Vielfalt entgegentritt, wenn man einzelne Den- ker genauer betrachtet. Und hier ist durchaus fĂŒr Überraschungen gesorgt, wenn man die gĂ€ngigen Zuordnungen berĂŒcksichtigt. Ein gutes Beispiel ist der bedeutende Gelehrte Ibn Taymiyya (gest. 1328), der dem hanbali tischen Traditionsstrom zugerechnet wird und damit einer sehr rigorosen, traditi- onalistischen Inter pretationslinie, die sich allzu vieler Spekulationen ver- schließt. Obwohl der Namensgeber der Tradition, Ibn កanbal (gest. 855), den Fokus auf das Moment der Vorherbestimmung legte, kam es in der Der Mensch ist ein Akteur, der handeln muss, als ob ihm freier Wille gegeben wĂ€re. 8 Vgl. zusammenfassend Hughes 2013, 188: „Muslim doctrine holds that God is far beyond human comprehension and that humans must behave and act in their lives as if they do have the possibility to choose. If this freedom did not exist, there would be no need for the stric- tures of religion.“
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Limina Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
Title
Limina
Subtitle
Grazer theologische Perspektiven
Volume
2:2
Editor
Karl Franzens University Graz
Date
2019
Language
German
License
CC BY-NC 4.0
Size
21.4 x 30.1 cm
Pages
267
Categories
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