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Franz Winter | Hat neben Gottes Allmacht der freie Wille noch Platz?
allerdings wird das Moment einer freien Entscheidung des Menschen, die
in der ash‘aritischen Positionierung eigentlich nicht vorgesehen ist, stär-
ker betont, ohne damit die Allmacht Gottes einzuschränken (zur Posi tion
Māturīdīs vgl. Rudolph 2015, 90–92 und 112; Cerić/Al-Attas 1995, 208–
233).
Das grundsätzliche Ergebnis der Diskussion in der sunnitischen
Tradition und deren vielfältige Fortführung
Bei allen feinen Unterschieden läuft eine grundsätzliche Positionierung
innerhalb der sunnitischen Tradition damit auf eine Art Kompromiss-
formel hinaus: Den Überlegungen zum Themenkreis al-qaḍā’ wa-l-qadar
vorgeordnet ist die Annahme, dass Gott alles weiß und alles bestimmt und
alle menschlichen Handlungen bereits aufgezeichnet vorliegen. Doch wird
damit das freie Handeln des Menschen nicht annulliert, vielmehr ist der
Mensch ein Akteur, der handeln muss, als ob ihm freier Wille gegeben wäre.
Denn nur so sind das Moment der Entscheidung zwischen Gut und Böse
und die dementsprechende Retribution für diese Handlungen, die einen
so prominenten Platz im Koran und weiteren grundlegenden Texten der
Traditionsbildung einnehmen, sinnvoll wahrzunehmen.8 Der Mensch han-
delt also auf Basis seiner „Wahl“ (ikhtiyār) und seines „Willens“ (irāda) und
führt dann die „Handlung“ aus (fa‘ala), wird also von Gott nicht willenlos
zu etwas gezwungen. Doch ist letztendlich jegliche menschliche Handlung
und ihre Begründung im unerfasslichen Ratschluss Gottes bereits vorher-
bestimmt.
Betont werden muss, dass bei allen Festlegungen der grundsätzlichen Posi-
tionierung eine beachtliche Vielfalt entgegentritt, wenn man einzelne Den-
ker genauer betrachtet. Und hier ist durchaus für Überraschungen gesorgt,
wenn man die gängigen Zuordnungen berücksichtigt. Ein gutes Beispiel ist
der bedeutende Gelehrte Ibn Taymiyya (gest. 1328), der dem hanbali
tischen
Traditionsstrom zugerechnet wird und damit einer sehr rigorosen, traditi-
onalistischen Inter pretationslinie, die sich allzu vieler Spekulationen ver-
schließt. Obwohl der Namensgeber der Tradition, Ibn Ḥanbal (gest. 855),
den Fokus auf das Moment der Vorherbestimmung legte, kam es in der
Der Mensch ist ein Akteur, der handeln muss,
als ob ihm freier Wille gegeben wäre.
8 Vgl. zusammenfassend Hughes
2013, 188: „Muslim doctrine holds
that God is far beyond human
comprehension and that humans
must behave and act in their lives
as if they do have the possibility to
choose. If this freedom did not exist,
there would be no need for the stric-
tures of religion.“
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven