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Franz Winter | Hat neben Gottes Allmacht der freie Wille noch Platz?
weiteren Entwicklung dieser Schule zur EinfĂŒhrung ashâaritischer Positio-
nen und der kasb-Lehre, beispielsweise bei Ibn al-FarrÄâ (gest. 1066), die
wiederum bei Ibn Taymiyya heftig kritisiert wurde. Er nÀhert sich interes-
santerweise der oben beschriebenen muâtazilistischen Position an, die dem
freien Willen einen hohen Rang einrÀumt (vgl. Perho 2001, 62), was wiede-
rum von seinem bedeutenden SchĂŒler Ibn Qayyim al-Jauziyya (gest. 1350)
weiterdiskutiert und verfeinert wird (Perho 2001, 68â69).
Von einem absoluten Stillstand der Diskussion, wie er in vielen Darstellun-
gen der islamischen Theologie und Philosophie nach dem Zuendekommen
der Muâtaziliyya ab dem 10. bzw. 11. Jahrhundert oft konstatiert wird (Ă€hn-
lich dem âSchlieĂen der Tore des ijtihÄdâ in der Rechtstradition), kann also
keineswegs gesprochen werden. Hier muss zudem berĂŒcksichtigt werden,
dass die Zeit zwischen dem 10./11. Jahrhundert und dem 18./19. Jahrhundert
weitgehend untererforscht ist und vielfach grundlegende Arbeiten gerade
fĂŒr diese Epoche noch nicht gemacht wurden. Die Diskussion blieb weiter-
hin Ă€uĂerst lebendig, zumal auch die enge Verwebung aller Debatten um
den freien Willen und den Anteil des Menschen an seinen Entscheidungen
mit diversen politischen Ereignissen mitberĂŒcksichtigt werden muss. Strö-
mungen, die in Opposition zu den jeweils herrschenden Eliten standen, fa-
vorisierten eher den freien Willen als Entwicklungen, die sich in die jewei-
ligen politischen Gegebenheiten einfĂŒgten. Damit nimmt es nicht wunder,
dass das Thematisieren eines freien Willens in der islamischen Welt gerade
in den letzten beiden Jahrhunderten eine ganz eminente Rolle spielte. Zum
einen war die Konfrontation mit der europÀischen Moderne und dem Mo-
ment der AufklÀrung und ihren Ideen von der Freiheit des Menschen ein
wichtiger AnstoĂ zur Eigenreflexion. Zum anderen lud die politische und
wirtschaftliche Situation, die spÀtestens ab dem 19. Jahrhundert tief von
einer immer stĂ€rkeren Ăbermacht des Westens geprĂ€gt war, zu einer ver-
stÀrkten Thematisierung eines etwaig notwendigen aktiven Widerstands
ein. Und dies kann sich durchaus mit dem Aufruf verbinden, den âfreien
Willenâ zu gebrauchen, um eine von Fatalismus geprĂ€gte Eigenwahrneh-
mung zu durchbrechen.
Die enge Verwebung aller Debatten um den freien Willen
mit politischen Ereignissen muss mitberĂŒcksichtigt werden.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven