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LIMINA - Grazer theologische Perspektiven
Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Seite - 176 -
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177 | www.limina-graz.eu Franz Winter | Hat neben Gottes Allmacht der freie Wille noch Platz? weiteren Entwicklung dieser Schule zur Einführung ash‘aritischer Positio- nen und der kasb-Lehre, beispielsweise bei Ibn al-Farrā’ (gest. 1066), die wiederum bei Ibn Taymiyya heftig kritisiert wurde. Er nähert sich interes- santerweise der oben beschriebenen mu‘tazilistischen Position an, die dem freien Willen einen hohen Rang einräumt (vgl. Perho 2001, 62), was wiede- rum von seinem bedeutenden Schüler Ibn Qayyim al-Jauziyya (gest. 1350) weiterdiskutiert und verfeinert wird (Perho 2001, 68–69). Von einem absoluten Stillstand der Diskussion, wie er in vielen Darstellun- gen der islamischen Theologie und Philosophie nach dem Zuendekommen der Mu‘taziliyya ab dem 10. bzw. 11. Jahrhundert oft konstatiert wird (ähn- lich dem „Schließen der Tore des ijtihād“ in der Rechtstradition), kann also keineswegs gesprochen werden. Hier muss zudem berücksichtigt werden, dass die Zeit zwischen dem 10./11. Jahrhundert und dem 18./19. Jahrhundert weitgehend untererforscht ist und vielfach grundlegende Arbeiten gerade für diese Epoche noch nicht gemacht wurden. Die Diskussion blieb weiter- hin äußerst lebendig, zumal auch die enge Verwebung aller Debatten um den freien Willen und den Anteil des Menschen an seinen Entscheidungen mit diversen politischen Ereignissen mitberücksichtigt werden muss. Strö- mungen, die in Opposition zu den jeweils herrschenden Eliten standen, fa- vorisierten eher den freien Willen als Entwicklungen, die sich in die jewei- ligen politischen Gegebenheiten einfügten. Damit nimmt es nicht wunder, dass das Thematisieren eines freien Willens in der islamischen Welt gerade in den letzten beiden Jahrhunderten eine ganz eminente Rolle spielte. Zum einen war die Konfrontation mit der europäischen Moderne und dem Mo- ment der Aufklärung und ihren Ideen von der Freiheit des Menschen ein wichtiger Anstoß zur Eigenreflexion. Zum anderen lud die politische und wirtschaftliche Situation, die spätestens ab dem 19. Jahrhundert tief von einer immer stärkeren Übermacht des Westens geprägt war, zu einer ver- stärkten Thematisierung eines etwaig notwendigen aktiven Widerstands ein. Und dies kann sich durchaus mit dem Aufruf verbinden, den „freien Willen“ zu gebrauchen, um eine von Fatalismus geprägte Eigenwahrneh- mung zu durchbrechen. Die enge Verwebung aller Debatten um den freien Willen mit politischen Ereignissen muss mitberücksichtigt werden.
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Limina Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Titel
Limina
Untertitel
Grazer theologische Perspektiven
Band
2:2
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 4.0
Abmessungen
21.4 x 30.1 cm
Seiten
267
Kategorien
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