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LIMINA - Grazer theologische Perspektiven
Limina - Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
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189 | www.limina-graz.eu Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter Der Ausweg, der aus dieser Situation in Aussicht gestellt wurde, geht vor allem in Richtung der Konkurrenz, die als eine Form der dynamischen SolidaritĂ€t unserer Zeit angesehen wird. Die Individuen begreifen sich selbst unter dem Gesichtspunkt der Effizienz, auf der Grundlage techni- scher Standards, deren Erreichung die einen zu den anderen in Konkur- renz bringt. Somit wird ,Selbstoptimierung‘ zur Norm (Röcke 2017, 2019). Nach Meinung einiger WissenschaftlerInnen bringt dieser Umstand eine neu artige, beinahe zwingende Ethik der Perfektion hervor (Sandel 2007): In allen Lebensbereichen – öffentlichen wie privaten – mĂŒssen die Leis- tungen stĂ€ndig wachsenden Standards genĂŒgen und Fehler und Funkti- onsstörungen stets behoben werden. Damit ist auch die Implikation ver- bunden, dass etwas, das nicht funktioniert, aussortiert gehört – und zwar einschließlich des Individuums. FĂŒr Bernard Stiegler (2016) liegt das Meis- terwerk des Systems darin, dass es die Individuen glauben macht, auf nie- manden angewiesen zu sein. Die intersubjektiven Beziehungen tendieren ihrerseits dazu, auf einer Übereinkunft funktionaler Art und/oder auf der ,reinen Beziehung‘ zu grĂŒnden, die Anthony Giddens (2008) als frei von GedĂ€chtnis und Plan de- finiert. Die Trennung zwischen Funktionen und Bedeutungen bewirkt die SchwĂ€chung all jener Umfeldressourcen (auf persönlicher, familiĂ€rer und nachbarschaftlicher Ebene, in Vereinen oder religiösen, kulturellen oder politischen ZusammenhĂ€ngen), die den NĂ€hrboden fĂŒr soziale Beziehun- gen darstellen: Letztere werden so zu einer titanischen Herausforderung, da in einer Welt, in der jede/r den Anspruch verfolgt, die eigene Wahrheit und Selbstverwirklichung im Rahmen eines ,institutionalisierten Indi- vidualismus‘ (Beck/Beck-Gernsheim 2002) und einer ‚Gesellschaft der SingularitĂ€ten‘ (Reckwitz 2017) zu vertreten, die Wahrscheinlichkeit von VerstĂ€ndnislosigkeit bzw. von MissverstĂ€ndnissen notwendigerweise zu- nimmt. Die Fragmentierung betrifft auch das Individuum als solches. Damit ist ein Ereignis gemeint, das dazu imstande ist, die SubjektivitĂ€t ‚in tausend StĂŒcke auseinanderzuschleudern‘ (Deleuze 1992). Das Individuum ist freie Energie, unendlich reiner Machtwille, eine Abfolge von Erfahrungen, be- dingungslose Offenheit fĂŒr das, was geschieht, eine Wunschmaschine. Das Meisterwerk des Systems liegt darin, dass es die Individuen glauben macht, auf niemanden angewiesen zu sein.
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Limina Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
Title
Limina
Subtitle
Grazer theologische Perspektiven
Volume
2:2
Editor
Karl Franzens University Graz
Date
2019
Language
German
License
CC BY-NC 4.0
Size
21.4 x 30.1 cm
Pages
267
Categories
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