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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
Der Ausweg, der aus dieser Situation in Aussicht gestellt wurde, geht vor
allem in Richtung der Konkurrenz, die als eine Form der dynamischen
SolidaritÀt unserer Zeit angesehen wird. Die Individuen begreifen sich
selbst unter dem Gesichtspunkt der Effizienz, auf der Grundlage techni-
scher Standards, deren Erreichung die einen zu den anderen in Konkur-
renz bringt. Somit wird ,Selbstoptimierungâ zur Norm (Röcke 2017, 2019).
Nach Meinung einiger WissenschaftlerInnen bringt dieser Umstand eine
neu artige, beinahe zwingende Ethik der Perfektion hervor (Sandel 2007):
In allen Lebensbereichen â öffentlichen wie privaten â mĂŒssen die Leis-
tungen stĂ€ndig wachsenden Standards genĂŒgen und Fehler und Funkti-
onsstörungen stets behoben werden. Damit ist auch die Implikation ver-
bunden, dass etwas, das nicht funktioniert, aussortiert gehört â und zwar
einschlieĂlich des Individuums. FĂŒr Bernard Stiegler (2016) liegt das Meis-
terwerk des Systems darin, dass es die Individuen glauben macht, auf nie-
manden angewiesen zu sein.
Die intersubjektiven Beziehungen tendieren ihrerseits dazu, auf einer
Ăbereinkunft funktionaler Art und/oder auf der ,reinen Beziehungâ zu
grĂŒnden, die Anthony Giddens (2008) als frei von GedĂ€chtnis und Plan de-
finiert. Die Trennung zwischen Funktionen und Bedeutungen bewirkt die
SchwÀchung all jener Umfeldressourcen (auf persönlicher, familiÀrer und
nachbarschaftlicher Ebene, in Vereinen oder religiösen, kulturellen oder
politischen ZusammenhĂ€ngen), die den NĂ€hrboden fĂŒr soziale Beziehun-
gen darstellen: Letztere werden so zu einer titanischen Herausforderung,
da in einer Welt, in der jede/r den Anspruch verfolgt, die eigene Wahrheit
und Selbstverwirklichung im Rahmen eines ,institutionalisierten Indi-
vidualismusâ (Beck/Beck-Gernsheim 2002) und einer âGesellschaft der
SingularitĂ€tenâ (Reckwitz 2017) zu vertreten, die Wahrscheinlichkeit von
VerstÀndnislosigkeit bzw. von MissverstÀndnissen notwendigerweise zu-
nimmt.
Die Fragmentierung betrifft auch das Individuum als solches. Damit ist
ein Ereignis gemeint, das dazu imstande ist, die SubjektivitĂ€t âin tausend
StĂŒcke auseinanderzuschleudernâ (Deleuze 1992). Das Individuum ist freie
Energie, unendlich reiner Machtwille, eine Abfolge von Erfahrungen, be-
dingungslose Offenheit fĂŒr das, was geschieht, eine Wunschmaschine.
Das Meisterwerk des Systems liegt darin, dass es die Individuen
glauben macht, auf niemanden angewiesen zu sein.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven