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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
schen systematisch auszunutzen. In diesem Sinne besitzt der Kapitalismus
eine anthropologische Tiefe (Žižek 1999) und sogar einen religiösen Ur-
sprung (wie schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts von Walter Benjamin
[1985] konstatiert wurde). Und darin besteht gleichsam die wahre ,Seele‘
des Kapitalismus, der zwar die moderne Gesellschaft in die Lage versetzt
hat, einen riesigen Schritt nach vorne zu tun, aber zugleich unsere Freiheit
mit einer Sichtweise gleichgesetzt hat, die vollständig auf die rein indivi-
duelle und materielle Dimension ausgerichtet ist (in einem quantitativen
Wachstumsrahmen, in dem – ungeachtet der Kontextgrenzen – die allge-
meine Wohlstandssteigerung stattfindet).
Die ausschließliche Fokussierung auf das Ursprungsmoment der Freiheit
macht das Zusammenfügen der einzelnen Fragmente, aus denen sich das
Leben zusammensetzt, sehr schwierig, wenn nicht unmöglich. Und so wird
die Freiheit zu einer Aufgabe mit bedrückenden Zügen, weil sie der stän-
digen Bemühung ausgesetzt ist, der Unbestimmtheit nachzugehen, ohne
dabei Formen zu erkennen, für die irgendeine Verantwortung zu überneh-
men wäre. Günther Anders hatte das Profil des hier angedachten Menschen
als Nihilisten charakterisiert (1956): Dieser möchte, indem er dem der Le-
benswirklichkeit zugrundeliegenden Schock der Kontingenz entflieht, die
Unbestimmtheit verewigen, um sich nicht die Möglichkeit zu verbauen, ir-
gendeine beliebige Form anzunehmen, und um zur gleichen Zeit überall zu
sein und sich schließlich eine anti-historische Existenz aufzubauen.
Das zeitgenössische Ich lässt sich somit dauerhaft durch ein doppeltes Band
aufhalten: Man möchte frei sein, aber die Freiheit liegt gerade im Ausblei-
ben einer Entscheidung. Lösungen für diese Situation können einer
seits
in Richtung der rationalistischen Option gehen, wonach man sich auf die
Vervielfältigung der Mittel konzentriert, um so die Möglichkeiten in der
Sinnlosigkeit der Zwecke zu steigern: Hier bewegt sich aber das Individu-
um, das seine Freiheit mit der Kraft der zur Verfügung stehenden Mittel
identifiziert, überwältigt von der totalen Sinnlosigkeit, von sich selbst weg,
sodass „die Peripherie des Lebens, die Dinge außerhalb seiner Geistigkeit,
zu Herren über sein Zentrum geworden sind, über uns selbst“ (Simmel,
GSG 6, 672). Andererseits kann zum Zwecke der Selbstverwirklichung der
schon erwähnte Weg der Selbstoptimierung gewählt werden, auch mit-
tels augen blicklichen Genusses. Das zeitgenössische Ich gleicht somit in
hohem Maße einem Jugendlichen, der ständig Anreize abwartet, die ihm
Freiheit wird zu einer Aufgabe mit bedrückenden Zügen.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven