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LIMINA - Grazer theologische Perspektiven
Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Seite - 198 -
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199 | www.limina-graz.eu Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter schen systematisch auszunutzen. In diesem Sinne besitzt der Kapitalismus eine anthropologische Tiefe (Žižek 1999) und sogar einen religiösen Ur- sprung (wie schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts von Walter Benjamin [1985] konstatiert wurde). Und darin besteht gleichsam die wahre ,Seele‘ des Kapitalismus, der zwar die moderne Gesellschaft in die Lage versetzt hat, einen riesigen Schritt nach vorne zu tun, aber zugleich unsere Freiheit mit einer Sichtweise gleichgesetzt hat, die vollständig auf die rein indivi- duelle und materielle Dimension ausgerichtet ist (in einem quantitativen Wachstumsrahmen, in dem – ungeachtet der Kontextgrenzen – die allge- meine Wohlstandssteigerung stattfindet). Die ausschließliche Fokussierung auf das Ursprungsmoment der Freiheit macht das Zusammenfügen der einzelnen Fragmente, aus denen sich das Leben zusammensetzt, sehr schwierig, wenn nicht unmöglich. Und so wird die Freiheit zu einer Aufgabe mit bedrückenden Zügen, weil sie der stän- digen Bemühung ausgesetzt ist, der Unbestimmtheit nachzugehen, ohne dabei Formen zu erkennen, für die irgendeine Verantwortung zu überneh- men wäre. Günther Anders hatte das Profil des hier angedachten Menschen als Nihilisten charakterisiert (1956): Dieser möchte, indem er dem der Le- benswirklichkeit zugrundeliegenden Schock der Kontingenz entflieht, die Unbestimmtheit verewigen, um sich nicht die Möglichkeit zu verbauen, ir- gendeine beliebige Form anzunehmen, und um zur gleichen Zeit überall zu sein und sich schließlich eine anti-historische Existenz aufzubauen. Das zeitgenössische Ich lässt sich somit dauerhaft durch ein doppeltes Band aufhalten: Man möchte frei sein, aber die Freiheit liegt gerade im Ausblei- ben einer Entscheidung. Lösungen für diese Situation können einer seits in Richtung der rationalistischen Option gehen, wonach man sich auf die Vervielfältigung der Mittel konzentriert, um so die Möglichkeiten in der Sinnlosigkeit der Zwecke zu steigern: Hier bewegt sich aber das Individu- um, das seine Freiheit mit der Kraft der zur Verfügung stehenden Mittel identifiziert, überwältigt von der totalen Sinnlosigkeit, von sich selbst weg, sodass „die Peripherie des Lebens, die Dinge außerhalb seiner Geistigkeit, zu Herren über sein Zentrum geworden sind, über uns selbst“ (Simmel, GSG 6, 672). Andererseits kann zum Zwecke der Selbstverwirklichung der schon erwähnte Weg der Selbstoptimierung gewählt werden, auch mit- tels augen blicklichen Genusses. Das zeitgenössische Ich gleicht somit in hohem Maße einem Jugendlichen, der ständig Anreize abwartet, die ihm Freiheit wird zu einer Aufgabe mit bedrückenden Zügen.
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Limina Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Titel
Limina
Untertitel
Grazer theologische Perspektiven
Band
2:2
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 4.0
Abmessungen
21.4 x 30.1 cm
Seiten
267
Kategorien
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