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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
gegeben werden können, oder auf der Suche nach irgend einer ,Appâ ist,
der er seine Entscheidungen anvertrauen kann. Die Krise, die wir erleben,
hat ganz offensichtlich mit dieser Sackgasse zu tun, welche die Verwirkli-
chung des Ichs nicht nur verhindert, sondern letztlich auch ein unhaltbares
Wachstumsmodell unterstĂŒtzt.
Zu den Beseitigungen jenes Wachstumsmodells und des ihm zugrunde
liegenden Vorstellungsraums gehört, wie oben erlÀutert, die Grenzerfah-
rung.7 Dennoch ist gerade die Grenzerfahrung die Möglichkeitsbedingung,
damit etwas existieren kann, damit das Leben selbst sich entfalten kann.
Die Grenze kann entweder ein Ende (entsprechend dem lateinischen finis,
terminus), oder auch eine Begrenzung (im Sinne des lateinischen cum-finis,
limes) sein, und somit kann sie die Möglichkeit eines Anfangs anzeigen.
Ohne Begrenzungen wÀren alle unsere Schritte unmöglich. Zugleich neigt
der Mensch dennoch dazu, fortwĂ€hrend Grenzen zu ĂŒberschreiten.
Der Prozess stĂ€ndiger Begrenzung und GrenzĂŒberschreitung ist die dem
Leben innewohnende Bewegung selbst. Einmal mehr findet sich hierzu bei
Simmel ein nĂŒtzlicher Beitrag, wenn er nĂ€mlich das VerhĂ€ltnis von Leben
und Form als Chiffre denkt, um so die Struktur der Wirklichkeit und des
Subjekts zu begreifen.8 FĂŒr Simmel verflacht das Leben bekanntlich nicht
zu einer rein physischen oder psychischen SpontaneitÀt im Sinne des Vi-
talismus; es stimmt nicht mit dem reinen kosmischen Prozess ĂŒberein. Es
ist all dies, und mehr als all dies. Das Leben ist ein stĂ€ndiges FlieĂen und
Form. Die IdentitÀt des Lebens befindet sich in der Bewegung der Selbst-
transzendenz des Lebens. Die beiden Begriffe, derer Simmel sich zu seiner
ErklĂ€rung bedient, sind zum einen das âMehr-Lebenâ, das eben die Struk-
tur der SelbstĂŒberschreitung bezeichnet, die dem Leben eignet, und zum
anderen das âMehr-als-Lebenâ, das auf die Ablagerung des Lebens in je-
nen Formen verweist, die seine Bewegung ĂŒbersteigen. Die Form ist eine
Grenze (die den unbegrenzten Fluss unterbricht), an der sich das Leben der
Erfahrung zuwendet, die wir von ihm machen. Simmel beharrt darauf: Das
Leben eröffnet sich uns nur in der Zustimmung zur Grenze. Gleichzeitig
wird sich das Leben, das Gegenstand unserer Erfahrung ist, das mit Inhal-
ten, Willen, Handlungen, Gedanken, Entscheidungen und verschiedenerlei
Verwirklichungen durchwirkte Leben niemals in ihnen erschöpfen. Unser
7 Dies erweist sich besonders
deutlich in Bezug auf die Grenze
schlechthin, nĂ€mlich bezĂŒglich des
Todes. Wenn etwa Georges Bataille
das zeitgenössische Ich als âSouve-
rĂ€nâ definiert, sagt er von ihm, dass
er so â[...] ist, als ob es den Tod nicht
gĂ€beâ (2000, 205; eigene Ăberset-
zung).
8 Unter den zahlreichen Schriften
Simmels zum Thema siehe insbe-
sondere Lebensanschauung sowie das
unvollendete Fragment Ăber Freiheit,
beide aus dem Jahr 1918 (jetzt in GSG
16 und GSG 20).
Der Prozess stĂ€ndiger Begrenzung und GrenzĂŒberschreitung
ist die dem Leben innewohnende Bewegung selbst.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven