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LIMINA - Grazer theologische Perspektiven
Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
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200 | www.limina-graz.eu Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter gegeben werden können, oder auf der Suche nach irgend einer ,App‘ ist, der er seine Entscheidungen anvertrauen kann. Die Krise, die wir erleben, hat ganz offensichtlich mit dieser Sackgasse zu tun, welche die Verwirkli- chung des Ichs nicht nur verhindert, sondern letztlich auch ein unhaltbares Wachstumsmodell unterstützt. Zu den Beseitigungen jenes Wachstumsmodells und des ihm zugrunde liegenden Vorstellungsraums gehört, wie oben erläutert, die Grenzerfah- rung.7 Dennoch ist gerade die Grenzerfahrung die Möglichkeitsbedingung, damit etwas existieren kann, damit das Leben selbst sich entfalten kann. Die Grenze kann entweder ein Ende (entsprechend dem lateinischen finis, terminus), oder auch eine Begrenzung (im Sinne des lateinischen cum-finis, limes) sein, und somit kann sie die Möglichkeit eines Anfangs anzeigen. Ohne Begrenzungen wären alle unsere Schritte unmöglich. Zugleich neigt der Mensch dennoch dazu, fortwährend Grenzen zu überschreiten. Der Prozess ständiger Begrenzung und Grenzüberschreitung ist die dem Leben innewohnende Bewegung selbst. Einmal mehr findet sich hierzu bei Simmel ein nützlicher Beitrag, wenn er nämlich das Verhältnis von Leben und Form als Chiffre denkt, um so die Struktur der Wirklichkeit und des Subjekts zu begreifen.8 Für Simmel verflacht das Leben bekanntlich nicht zu einer rein physischen oder psychischen Spontaneität im Sinne des Vi- talismus; es stimmt nicht mit dem reinen kosmischen Prozess überein. Es ist all dies, und mehr als all dies. Das Leben ist ein ständiges Fließen und Form. Die Identität des Lebens befindet sich in der Bewegung der Selbst- transzendenz des Lebens. Die beiden Begriffe, derer Simmel sich zu seiner Erklärung bedient, sind zum einen das „Mehr-Leben“, das eben die Struk- tur der Selbstüberschreitung bezeichnet, die dem Leben eignet, und zum anderen das „Mehr-als-Leben“, das auf die Ablagerung des Lebens in je- nen Formen verweist, die seine Bewegung übersteigen. Die Form ist eine Grenze (die den unbegrenzten Fluss unterbricht), an der sich das Leben der Erfahrung zuwendet, die wir von ihm machen. Simmel beharrt darauf: Das Leben eröffnet sich uns nur in der Zustimmung zur Grenze. Gleichzeitig wird sich das Leben, das Gegenstand unserer Erfahrung ist, das mit Inhal- ten, Willen, Handlungen, Gedanken, Entscheidungen und verschiedenerlei Verwirklichungen durchwirkte Leben niemals in ihnen erschöpfen. Unser 7 Dies erweist sich besonders deutlich in Bezug auf die Grenze schlechthin, nämlich bezüglich des Todes. Wenn etwa Georges Bataille das zeitgenössische Ich als „Souve- rän“ definiert, sagt er von ihm, dass er so „[...] ist, als ob es den Tod nicht gäbe“ (2000, 205; eigene Überset- zung). 8 Unter den zahlreichen Schriften Simmels zum Thema siehe insbe- sondere Lebensanschauung sowie das unvollendete Fragment Über Freiheit, beide aus dem Jahr 1918 (jetzt in GSG 16 und GSG 20). Der Prozess ständiger Begrenzung und Grenzüberschreitung ist die dem Leben innewohnende Bewegung selbst.
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Limina Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Titel
Limina
Untertitel
Grazer theologische Perspektiven
Band
2:2
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 4.0
Abmessungen
21.4 x 30.1 cm
Seiten
267
Kategorien
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