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Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten
Animalisierung des Menschen zum Arbeitsvieh, zur reinen Arbeitskraft –,
sondern im manischen Ablehnen jenes Subjektes des Unbewussten (des
Subjektes des Begehrens), unter Ausschluss jenes Prinzips (der symboli-
schen Kastration), das dem Menschen die schöpferische Möglichkeit des
Begehrens zugänglich macht.
Hierin findet sich also der zweite Eckpfeiler des Diskurses des Kapitalis-
ten: Er lässt „das beiseite, was wir schlechthin die Dinge der Liebe nennen
werden.“ (Lacan 2013, 89) Es handelt sich um eine zweite Ablehnung, die
tatsächlich „die Dinge der Liebe“ aus dem Diskurs ausschließt. Anstatt das
an die Stelle des Anderen zu setzen, was es ursprünglich durch die Aktivität
des Anderen (der Sprache) verloren hat, zieht es das Subjekt vor, den ihn
konstituierenden Mangel und das daraus wachsende Begehren zu vernei-
nen. Das Subjekt zieht es also vor, sich nicht in das Feld der Liebe zu wa-
gen, sondern diesseitig, im Feld der Turbulenzen zu verbleiben, was dann
fatalerweise die kontingente Begegnung mit dem „Anderen Geschlecht“
charakterisiert. Es zieht vor, ein unmenschliches Objekt zum Partner zu
wählen, anstatt das verlorene Objekt – das eigene agalma – im Feld des
Anderen zu situieren.3 Es zieht vor, die Dinge der Liebe beiseite zu lassen.
Und auch das stille Drama, das den Triumph des Objektes im Haushalt der
Libido begleitet, die vom Diskurs des Kapitalisten dominiert wird. Der To-
destrieb beherrscht einseitig den triebhaften Genuss des Objektes: Der Dis-
kurs des Kapitalisten befreit das Begehren nicht, sondern verdrängt es so
weit, dass er die Kastration, die dessen Gesetz ist, ablehnt. Er verspricht die
Illusion, jegliche Distanz zwischen dem geteilten Subjekt und dem Objekt
klein a, zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen, aufzuheben.4
Die krampfhafte Freiheit des Konsumenten
Der grenzenlose Individualismus, der den Diskurs des Kapitalisten stĂĽtzt,
ist keineswegs eine Form der Befreiung des Subjektes von der Knechtschaft
in den Auseinandersetzungen mit den Herrensignifikanten, die unter Um-
ständen auch einen tyrannischen Charakter des Idealen annehmen können.
Er stellt vielmehr eine neue Form der Knechtschaft dar. Wie der Konser-
vative Lacan feststellt, ist der Diskurs des Kapitalisten ganz deutlich eine
Form der Unterwerfung und nicht der Befreiung. Marcuse sprach diesbe-
3 „Was aus der Psychoanalyse ein
einzigartiges Abenteuer und die
Entdeckung des Agalma (Götzenbil-
des) im Feld des Anderen macht“.
(Lacan 2007, 370)
4 Mit Objekt klein a bezeichnet La-
can ein Moment des unmittelbaren
GenieĂźens, welches aufgrund der
symbolischen Spaltung des Subjekts
eine letztlich immer schon verlore-
ne und damit in der Tat illusionäre
Wirklichkeit ungeteilter Einheit dar-
stellt. Es verweist damit aber auch
auf den Mangel der Sprache selbst,
die in ihrer Differenz das Ganze der
Wirklichkeit nie adäquat zu fassen
vermag (das Symbolische produ-
ziert damit gewissermaĂźen selbst
ein sie immer transzendierendes
Moment). Das Objekt klein a steht
damit fĂĽr ein sprachlich letztlich
nicht wirklich fassbares Mehr, fĂĽr
einen Ăśberschuss, der die Ursache
fĂĽr das Begehren des Subjekts bildet,
das danach verlangt, die immer auch
als dramatisch und unbefriedigend
erfahrene symbolische Differenz der
Wirklichkeit aufzuheben.
Das Subjekt wagt sich nicht in das Feld der Liebe.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven