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LIMINA - Grazer theologische Perspektiven
Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
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220 | www.limina-graz.eu Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten Animalisierung des Menschen zum Arbeitsvieh, zur reinen Arbeitskraft  –, sondern im manischen Ablehnen jenes Subjektes des Unbewussten (des Subjektes des Begehrens), unter Ausschluss jenes Prinzips (der symboli- schen Kastration), das dem Menschen die schöpferische Möglichkeit des Begehrens zugänglich macht. Hierin findet sich also der zweite Eckpfeiler des Diskurses des Kapitalis- ten: Er lässt „das beiseite, was wir schlechthin die Dinge der Liebe nennen werden.“ (Lacan 2013, 89) Es handelt sich um eine zweite Ablehnung, die tatsächlich „die Dinge der Liebe“ aus dem Diskurs ausschließt. Anstatt das an die Stelle des Anderen zu setzen, was es ursprünglich durch die Aktivität des Anderen (der Sprache) verloren hat, zieht es das Subjekt vor, den ihn konstituierenden Mangel und das daraus wachsende Begehren zu vernei- nen. Das Subjekt zieht es also vor, sich nicht in das Feld der Liebe zu wa- gen, sondern diesseitig, im Feld der Turbulenzen zu verbleiben, was dann fatalerweise die kontingente Begegnung mit dem „Anderen Geschlecht“ charakterisiert. Es zieht vor, ein unmenschliches Objekt zum Partner zu wählen, anstatt das verlorene Objekt – das eigene agalma – im Feld des Anderen zu situieren.3 Es zieht vor, die Dinge der Liebe beiseite zu lassen. Und auch das stille Drama, das den Triumph des Objektes im Haushalt der Libido begleitet, die vom Diskurs des Kapitalisten dominiert wird. Der To- destrieb beherrscht einseitig den triebhaften Genuss des Objektes: Der Dis- kurs des Kapitalisten befreit das Begehren nicht, sondern verdrängt es so weit, dass er die Kastration, die dessen Gesetz ist, ablehnt. Er verspricht die Illusion, jegliche Distanz zwischen dem geteilten Subjekt und dem Objekt klein a, zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen, aufzuheben.4 Die krampfhafte Freiheit des Konsumenten Der grenzenlose Individualismus, der den Diskurs des Kapitalisten stützt, ist keineswegs eine Form der Befreiung des Subjektes von der Knechtschaft in den Auseinandersetzungen mit den Herrensignifikanten, die unter Um- ständen auch einen tyrannischen Charakter des Idealen annehmen können. Er stellt vielmehr eine neue Form der Knechtschaft dar. Wie der Konser- vative Lacan feststellt, ist der Diskurs des Kapitalisten ganz deutlich eine Form der Unterwerfung und nicht der Befreiung. Marcuse sprach diesbe- 3 „Was aus der Psychoanalyse ein einzigartiges Abenteuer und die Entdeckung des Agalma (Götzenbil- des) im Feld des Anderen macht“. (Lacan 2007, 370) 4 Mit Objekt klein a bezeichnet La- can ein Moment des unmittelbaren Genießens, welches aufgrund der symbolischen Spaltung des Subjekts eine letztlich immer schon verlore- ne und damit in der Tat illusionäre Wirklichkeit ungeteilter Einheit dar- stellt. Es verweist damit aber auch auf den Mangel der Sprache selbst, die in ihrer Differenz das Ganze der Wirklichkeit nie adäquat zu fassen vermag (das Symbolische produ- ziert damit gewissermaßen selbst ein sie immer transzendierendes Moment). Das Objekt klein a steht damit für ein sprachlich letztlich nicht wirklich fassbares Mehr, für einen Überschuss, der die Ursache für das Begehren des Subjekts bildet, das danach verlangt, die immer auch als dramatisch und unbefriedigend erfahrene symbolische Differenz der Wirklichkeit aufzuheben. Das Subjekt wagt sich nicht in das Feld der Liebe.
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Limina Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Titel
Limina
Untertitel
Grazer theologische Perspektiven
Band
2:2
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 4.0
Abmessungen
21.4 x 30.1 cm
Seiten
267
Kategorien
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