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Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten
Wesen: Das vom Diskurs des Kapitalisten produzierte Genießen möchte
grenzenlos sein, weil es den Menschen von seiner Kastration heilen möch-
te.
Die Maschine der Verdrängung, die den Diskurs des Herrn charakterisiert
hatte, wird durch eine neue Maschinerie ersetzt, welche Genießen ohne
Verdrängung produziert. Das ist ein bisher unbekannter Totalitarismus des
Objektes, der auf einer paradoxen Eigenart dieses Objektes gründet. Es er-
scheint als gespaltenes Objekt. Der Diskurs des Kapitalisten stützt sich auf
abgöttischen und fetischistischen Glauben ihm gegenüber, auf einen Glau-
ben an die heilsame Macht des Objektes des Genießens, welches so wie es
ist imstande sei, den Schmerz des Existierens aufzulösen oder zu heilen.
Auf diese Art säkularisiert der Diskurs des Kapitalisten auf brutale Weise
das Problem der Transzendenz, indem er dieses in eine hyperhedonistische
Kultur überträgt: Das Objekt des Genießens wird zum Fetisch eines Götzen
erhoben, dem das Subjekt sein Sein weiht. Es ist ein zentraler Punkt auch
in den klassischen Überlegungen von Marx über den Fetisch der Waren: Die
Ware wird sozial mit einem Wert aufgeladen, welcher von ihrem Gebrauch
absieht, weil er sie entstellt, übersteigt, systematisch verzerrt, um eine
möglichst große Dimension von Prestige, Aussehen und Erscheinung als
neue Lebensform zur Geltung kommen zu lassen.
Für den Diskurs des Kapitalisten ist das Erlösende der Verdienst von mög-
lichst viel Genuss in möglichst kurzer Zeit. Diese Immanentisierung der
Erlösung definiert den Charakter der „Anti-Kastration“ des Objektes und
streicht dessen perverse Natur heraus. Tatsächlich ist, wie wir gesehen ha-
ben, die Perversion ein Manöver, welches eine Kastration des Anderen ab-
lehnt, indem es strukturelle Haltlosigkeit mit einem absoluten Glauben an
das Objekt zementiert. Dieser Glaube fördert die Illusion, dass der Hyper-
konsum eine Art (künstliche) Erlösung der Existenz versprechen könne.
Die Verwirrung des Subjektes, seine Spaltung, die immer neu durch beharr-
liches Angebot angespornt wird, seine grundsätzliche Unruhe schreiben
dem Gadget-Objekt die Illusion einer unmittelbaren Befreiung zu, einer
Selbstverwirklichung ohne jegliche Zusage von Transzendenz. Das Objekt
des Genießens als gefälschte Transfiguration des Objektes klein a täuscht
vor, das Subjekt vom Verlust des Genießens heilen zu können, den der Dis-
kurs der Kultur dem Leben des Menschen auferlegt. Das ist wirklich eine
Das Objekt des Genießens täuscht vor, das Subjekt vom Verlust des Genießens
heilen zu können, den der Diskurs der Kultur dem Leben des Menschen auferlegt.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven