Page - 233 - in Limina - Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
Image of the Page - 233 -
Text of the Page - 233 -
234 | www.limina-graz.eu
Karl Farmer | Warum handelspolitischer Protektionismus wieder politikmächtig
und wirtschaftliche Freiheit zum Phantom wurden
Einleitung
Im Vorjahr hat US-Präsident Donald J. Trump einseitig Importzölle auf
Stahl, Aluminium und eine breite Palette chinesischer Waren zum Schutz
von US-Arbeitsplätzen verhängt. Warum nur verhalf das Wahlvolk im
wirtschaftlich höchst entwickelten Land der Welt einem Politiker an die
Macht, der ausdrücklich für außenhandelspolitischen Protektionismus, d. h.
die staatliche Abschottung heimischer Wirtschaftszweige gegenĂĽber aus-
ländischer Konkurrenz, eintrat? Warum hat fast die Hälfte der US-Wähler
und Wählerinnen die wirtschaftliche Freiheit, billigere ausländische statt
teurere heimische Güter kaufen zu können, aufgegeben für das zweifelhaf-
te Versprechen, die heimische Industrie wieder groĂź zu machen? Ist eigen-
verantwortliches freies Wirtschaften zum Phantom geworden, vor dem ein
machtvoll auftretender Präsidentschaftskandidat Schutz versprach?
Dass handelspolitischer Protektionismus mit Trumps Wahl zum 45. US-
Präsidenten wieder politikmächtig wurde, ist für die überwiegende Mehr-
heit der akademischen Ă–konomen besorgniserregend und nur zum Teil
verständlich. Besorgniserregend, weil mit der Verhängung von US-Im-
portzöllen die seit siebzig Jahren anhaltende Tendenz weltweit sinkender
Importzölle ins Gegenteil verkehrt und globale Wohlfahrts- und Wachs-
tumsverluste in Kauf genommen werden. Zum Teil verständlich ist dieser
„neue Protektionismus“, weil nach Zollsenkungen einige heimische Wirt-
schaftszweige (z. B. der US-Stahlsektor) der ausländischen Konkurrenz
nicht mehr gewachsen sind, Unternehmen bankrott machen und Arbeits-
plätze verloren gehen, Arbeit in anderen Wirtschaftszweigen jedoch nicht
sofort oder gar nicht gefunden wird. Daraufhin wenden sich Vertreter der
Wirtschaftszweige mit starker Auslandskonkurrenz an die Politik mit dem
Ersuchen um Erhöhung von Importzöllen und erhalten diese auch, wenn
die Wirtschaftsvertreter (finanzielle und ideelle) UnterstĂĽtzung fĂĽr die Re-
gierung zusagen. (Grossman/Helpman 1994)
Diese Erklärung ist jedoch nur zum Teil befriedigend. Die außenhandelspo-
litische Rhetorik des jetzigen US-Präsidenten war nämlich an breitere Wäh-
lerschichten als nur die Mitglieder einzelner Wirtschaftszweige gerichtet.
Trumps Botschaften stellen die Vorteile der bisher – über die multilaterale
Welthandelsordnung – erzielten Freiheit in internationalen Wirtschafts-
Ist eigenverantwortliches freies Wirtschaften zum Phantom geworden, vor dem
ein machtvoll auftretender Präsidentschaftskandidat Schutz versprach?
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven