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Elisabeth Zissler | Digitale Kränkung?
Um diese Fragen beantworten zu können, braucht es eine nähere Betrach-
tung des Intelligenz- bzw. Wissensbegriffs. Was unterscheidet die KI von
der „menschlichen“ Intelligenz? Gibt es auch Teile des menschlichen Wis-
sens, die der KI fehlen?
Künstliche Intelligenzen haben eine „gigantische Informations- und Wis-
senskapazität“ (Spiekermann 2019, 231) und übertreffen den Menschen
beim „Erkennen von einmal erfassten und wiederkehrenden Mustern“
(Spiekermann 2019, 213), etwa bei Sprachmustern, in der visuellen Detail-
erkennung oder im Erkennen von neuen Mustern im Rahmen von Big Data-
Analysen. Demzufolge ist KĂĽnstlicher Intelligenz im Vergleich zum Men-
schen in jenen Bereichen, wo es um umfassende Wissensspeicherung und
-verarbeitung, Rechenkraft und komplexe Informationsverarbeitung
geht, eine ĂĽberlegene Position zuzugestehen. Allerdings gibt es auch Be-
reiche des „Wissens“, in denen genuin menschliche Fähigkeiten jene von
Maschinen übertreffen. Darauf wird später noch einmal Bezug genommen
werden, wenn es um die Frage nach sozialer Intelligenz geht.
Spezifisch menschliche Tätigkeiten können durch Roboter ersetzt werden
Der Einsatz von Pflegerobotern beschäftigt die wissenschaftliche For-
schung schon seit Längerem. Gebaut wird an Hebeunterstützungsgeräten
ebenso wie an „Spielzeug“ oder an Robotern für therapeutische Zwecke,
wie etwa der Pflegerobbe Paro. Die Sinnhaftigkeit dieser technischen Ent-
wicklungen in den hier angeführten Bereichen lässt sich durchaus argu-
mentieren. Doch wie verhält es sich mit dem Einsatz von sozialen Robotern
in religiösen Kontexten, genauer gesagt bei einem Roboter, der Menschen
segnet (vgl. Abb. 1)?
Der humanoide Segensroboter namens BlessU-2 wurde von der Evange-
lischen Kirche Hessen und Nassau (EKHN) im Rahmen einer öffentlichen
Ausstellung anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation erstmalig
gezeigt (vgl. EKHN 2017). Dabei interagierte der Roboter mit ĂĽber zehn-
tausend Besucher*innen. Medial bekam das Projekt rund um BlessU-2
groĂźe Aufmerksamkeit, wurde jedoch auch als Provokation wahrgenom-
men. Worin bestand die Provokation? Der Einsatz des Roboters löste eine
grundsätzliche Debatte über das Verhältnis Mensch – Roboter aus und
ganz konkret darüber, ob Roboter genuin menschliche Tätigkeiten über-
nehmen können und – im Falle von BlessU-2 – überhaupt zu „spirituellen
Kompetenzen“ fähig sind. Durch technische Entwicklungen wie BlessU-2
wird Anlass dazu gegeben, Sinn und Bedeutung bestehender Konzepte und
Abb. 1: BlessU-2 der Evangelischen
Kirche in Hessen und Nassau
Foto: EKHN
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 3:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 3:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven