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Elisabeth Zissler | Digitale Kränkung?
mann ein, dass „utilitaristisch programmierte künstliche Intelligenzen“
nie „ethisch relevante Handlungsvorschläge“ machen sollten, und schlägt
sogar vor, dass kĂĽnstlichen Intelligenzen einprogrammiert werden soll,
keine Entscheidungen fĂĽr uns zu treffen (Spiekermann 2019, 235).
Angesichts dessen ist es notwendig, das Individuum zur eigenen ethischen
Urteilsbildung heranzuführen und ihm die Komplexität ethischer Sachver-
halte und Problemlagen einsichtig zu machen. Einen dahingehend viel-
schichtigen Einblick zu gewinnen, schĂĽtzt nicht zuletzt auch vor einer Sim-
plifizierung ethischer Dilemmata und einer vorschnellen Urteilsbildung.
Diese genuin menschliche Fähigkeit zur selbstständigen ethischen Refle-
xion bleibt der Maschine ebenso verwehrt wie die Fähigkeit, „das Reale
zu untersuchen“ (Spiekermann 2019, 215) und in die ethische Urteilsbil-
dung miteinzubeziehen. Der Mensch ist hingegen dazu befähigt, sich nicht
ausschlieĂźlich auf reine Daten fokussieren zu mĂĽssen. Er ist in der Lage,
menschliche Lebensrealitäten aus einer Innenperspektive wahrzunehmen,
komplexe Bedeutungszusammenhänge bestehender Wirklichkeitsverhält-
nisse zu erschlieĂźen und infolgedessen ethisch relevantes Orientierungs-
wissen zu generieren, worin sich seine ethische Kompetenz manifestiert.
DarĂĽber hinaus besteht ausgehend von einem reflektierten Wissensver-
ständnis (vgl. Spiekermann 2019, 208–211) ein weiteres wesentliches Un-
terscheidungsmerkmal zwischen Mensch und KI darin, dass Maschinen
nicht dazu in der Lage sind, „Werte“ wahrzunehmen:
„Wenn Maschinen intelligent sind, dann sind sie es ganz sicher nicht im
menschlichen Sinn. […] Weil Computer all die unsichtbaren Ideen und
Werte nicht wahrnehmen können, die jeder normal begabte und groß
gewordene Mensch zu erkennen gelernt hat, werden uns Computer in
dieser Beziehung immer ein bisschen hinterherhinken.“ (Spiekermann
2019, 212).
Wie anhand dieser Ăśberlegungen gezeigt werden konnte, gibt die Rede von
der digitalen Kränkung des Menschen dazu Anlass, „exklusiv“ mensch-
liche Fähigkeiten als solche wiederzuentdecken und ein tieferes Verständ-
nis dafĂĽr zu gewinnen, was Empathie, Wissen und Intelligenz sowie ethi-
sche Kompetenz im digitalen Zeitalter bedeuten. Angesichts dessen kann
die digitale Kränkung als chancenreiche Krise im Selbstverständnis des
Menschen zur Geltung gebracht werden.
Maschinen sind nicht dazu in der Lage, Werte wahrzunehmen.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 3:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 3:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven