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Viera Pirker | „#monthoftherosary“. Theologische Rekonstruktion zu einem Instagram Image
zieht sich in Beziehung und Sozialität, die nicht unbedingt reziprok ge-
staltet sein muss. Die Bildauswahl in der Account-Kuratierung zeigt, wie
der Bildsinn einer ‚anderen Welt‘ im Bild verbleibt und hinein transportiert
wird in die, wie @onehailmaryatatime suggeriert, Wunder bergende Realität
des Gebets, die abgeschieden schwebend, alltäglich-alltagsenthoben und
doch in Beziehung befindlich beschrieben wird. Mit dieser Authentizitäts-
fiktion werden die Rezipient_innen an einem Bedürfnis ihrer Insta
gram-
Nutzung – Entspannung, Ruhe, Alltagsflucht, Inspiration – abgeholt. Die
klassische und traditionale Praxis des Rosenkranzes wird hier zu einem
feel-good-Produkt: Gott und Glauben müssen nicht befragt werden, son-
dern es geht um wohltuende religiöse Praxis im Hier und Jetzt – ein Trai-
ning, das vergleichbar ist mit Meditation oder Yoga.
Der Account inszeniert eine für den US-amerikanischen Katholizismus
nicht untypische Kombination: „Modernität und Hochreligiosität paa-
ren sich auf unerwartete Weise.“ (Sellmann 2011, 290) Religiosität wird in
Social Network Sites wie Instagram durchaus praktiziert und inszeniert. Im
raschen Scrollen durch den Instagram-Feed werden Menschen ein, zwei,
vielleicht zehn Sekunden mit diesem Bild verbracht haben, einige wenige
mehr Zeit mit dem Text. Manche setzen eine sichtbare Reaktion in Form
eines „Like“ oder eines aufwändigeren Kommentars. Ein kurzer, ober-
flächlicher Moment der Begegnung, der religionsbezogenen Interaktion
wird hier in einem nahezu archäologisch anmutenden Zugang in die Tiefe
seiner Bezüge hinein ausgelotet. Die extreme Verlangsamung der Wahr-
nehmung mit der dokumentarischen Methode hinterfragt und expliziert
scheinbar ‚oberflächliche‘ Nutzungspraktiken und bricht konkrete Hand-
lungen, die im intimen Raum des Smartphones, ‚hinter‘ der Oberfläche
einer visuell strukturierten Plattform liegen, auf. Für die Praktische Theo-
logie eröffnen sich Social Network Sites als Orte konkreter gegenwärtiger
Glaubenszeugnisse. In den plattformspezifischen Praktiken entsteht ein
aus Bildern und Texten strukturierter Kommunikationsraum, in dem reli-
giöser Dialog geschieht und erfahrungsbasierte religiöse Kommunikation
in der Verbindung verschiedener Medien in einem Spiel aus Authentizität
und Inszenierung vollzogen wird.
Social Network Sites als Raum, in dem religiöse Kommunikation
in einem Spiel aus Authentizität und Inszenierung vollzogen wird
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 3:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 3:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven