Page - 372 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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372 | Imke Hansen
kurs ist. Nichtsdestoweniger sprechen die Interviewten sehr offen darĂŒber, womit die
HandlungsspielrÀume ukrainischer HilfskrÀfte in Polizei und Administration bei der
politischen Verfolgung und der Zwangsarbeitsdeportation deutlich werden. Die These
Frank Golczewskis, dass der Einsatz der lokalen ArbeitskrÀfte in Polizei und Zivilver-
waltung und damit die «zunÀchst zögerliche, aber zunehmend systematisierte Nutzung
von Teilen der einheimischen Bevölkerung den schwachen deutschen KrÀften die Ver-
waltung und UnterdrĂŒckung des riesengroĂen Gebiets nicht nur erleichtert, sondern
erst ermöglicht hat», scheinen diese Berichte zu bestÀtigen. Einige der Interviewten
Ă€uĂern Empörung, dass die «eigenen Leute» am Verfolgungsschicksal mitwirkten.
Im Moment der Wegscheiden wird deutlich, was sich bei der Betrachtung des Weg-
beginns bereits angedeutet hat : Die hier zitierten Ukrainer und Ukrainerinnen stel-
len sich nicht als machtlose, passive Opfer dar, sondern als denkende und handelnde
Menschen mit Selbstachtung. Die Beispiele erzÀhlen von richtigen und falschen Ent-
scheidungen, Strategien und Listen, von Initiative und Konsequenz. In einigen FĂ€llen
konnten sie die Verschlechterung ihrer Situation â beispielsweise im Sinne einer
Verhaft
ung â zwar nicht grundsĂ€tzlich Ă€ndern, aber immerhin das Schlimmste, in der
Regel die sofortige ErschieĂung, abwenden. All dies impliziert, dass eigene Handlungs-
spielrÀume als solche wahrgenommen und genutzt wurden. Auch die unter Ukrainern
und Ukrainerinnen offenbar enorm hohe Bereitschaft, zu fliehen, und die starke The-
matisierung von Flucht in den Interviews fĂŒgen sich in dieses Bild. In einigen FĂ€llen
Ă€nderte sich ein Weg dadurch, dass ein Handlungsspielraum ĂŒberstrapaziert wurde
und die Konsequenz das Konzentrationslager war.
DarĂŒber hinaus treten bei der Betrachtung der Wegscheiden die unterschiedlichen
ErzÀhlweisen deutlich hervor. Manche Geschichten werden emotional dargebracht,
andere humorvoll oder sogar mit einem Hauch von Abenteuer. Genau wie die Inhalte
lassen die ErzĂ€hlweisen auf Selbstbilder und Masternarrative des Ăberlebens schlie-
Ăen. Sie unterscheiden sich zwar, zeugen aber allesamt von agency, von eigenstĂ€ndi-
gem Denken und Handeln, von Ăberlebenswillen und einer grundsĂ€tzlichen FĂ€higkeit,
sich in nationalsozialistische Denkweisen hineinzuversetzen und demgemÀà Konse-
quenzen von Handlungen zu prognostizieren.
SchlieĂlich zeigen die Beispiele, dass WeggefĂ€hrten und WeggefĂ€hrtinnen wĂ€hrend
der Verfolgung eine wichtige Rolle spielten â nicht nur als Quelle von Ressourcen und
Wissen oder wegen praktischer UnterstĂŒtzung beim physischen Ăberleben, sondern
auch als mentale StĂŒtze. Sie halfen, durchzuhalten, den lebensfeindlichen UmstĂ€nden
wÀhrend der Verfolgung zu trotzen und eine optimistische Haltung zu bewahren. Es
scheint, dass sich die Interviewten gegen den Zustand wehrten, der Verfolgung allein
ausgesetzt zu sein, indem sie sich Bindungen und Gruppen suchten. Dass WeggefÀhr-
ten und WeggefÀhrtinnen nicht nur nach der Sprache ausgewÀhlt wurden, sondern
hÀufig auch danach, ob sie regional aus der gleichen Gegend kamen, zeigt, dass die
Interviewten das BedĂŒrfnis nach Bekanntem und Vertrautem in der Fremde hatten.
SchlieĂlich legen die Beispiele nahe, dass die Erfahrungen, die die Menschen auf ihrem
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen