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246 4- Zusammenfassung
âIf Richard Wagner would have lived in this Century he would be the number one film
composer". Im Ring des Nibelungen zum Beispiel gibt es an die hundert Leitmotive, die
Wagner allerdings selbst melodische Momente genannt hatte. Das Leitmotiv gibt dem
Komponisten die Möglichkeit, durch die musikalisch-thematische Arbeit, also durch
Permutationen, Variationen, Modulationen, Sequenzen etc., die verschiedenen situati-
ven oder emotionalen Momente aufzugreifen und pointiert umzusetzen. Dies ist natĂŒr-
lich ein wertvolles Werkzeug fĂŒr den Filmkomponisten, der in sehr viel kĂŒrzerer Zeit
dieselben dramaturgischen Vorgaben zu erfĂŒllen hat: innere VorgĂ€nge sichtbar zu ma-
chen, innere und Ă€uĂere VerĂ€nderungen zu verdeutlichen, Verbindungen zu schaffen,
Assoziationen hervorzurufen. Auch der harmonische Unterbau dient als musikalischer
Katalysator dramaturgischer Vorgaben. Wagner nannte den steten musikalischen Fluss,
den er seiner Handlung unterlegte, unendliche Harmonie. Die Harmoniewechsel wa-
ren nicht mehr funktionsharmonisch, sondern suggestiv. Dies bedeutet, dass es nun
die wichtigste Aufgabe der Akkorde war, durch ihre Farbe oder Helligkeit die emotio-
nalen Wechselwirkungen sicherzustellen. Auch dies ist ein hervorragendes Werkzeug.
Auch dies ist ein hervorragendes Werkzeug fĂŒr den Filmkomponisten, der in kĂŒrzester
Zeit auf emotionale VerÀnderungen zu reagieren hat. So hat Max Steiner in dem Film
Casablanca beispielsweise das Motiv der Marseillaise metrisch verzogen und verÀndert,
in Moll harmonisiert, in Medianten trugschlussartig aufgelöst und mit dem Motiv des
Deutschlandliedes collagenartig verquickt. Neben diesen beiden genannten Leitmotiven,
die den zeitlichen, politischen und geschichtlichen Kontext verdeutlichen, ist der Song
As Time Goes By das Leitmotiv fĂŒr die Personalisierung der Geschichte. Max Steiner
war zeitlebens nicht ĂŒberzeugt von dem Lied. Allerdings hat erst dieser Song die emoti-
onale Identifizierung des Publikums mit der Geschichte und damit den Erfolg des Fil-
mes ermöglicht. Ăber zwanzigmal taucht das Motiv in der Filmmusik von Casablanca
auf, Steiner unterzieht es jeder denkbaren musikalischen VerÀnderung. Allein durch
das Hören der diversen Variationen dieses Motivs kann sich der Hörer das Geschehen
plastisch vorstellen. Die Musik schafft es, dass die Handlung, losgelöst vom Bild, im
Kopf der Hörer zum Leben erweckt wird (âKino im Kopf). In der Filmmusik unter-
scheidet man zwischen sogenannter diegetischer Musik, deren Quelle im Bild zu se-
hen ist, und nicht-diegetischer Musik. Der Reiz besteht in der Mischung zwischen der
Musik, die die Protagonisten hören können, und solcher, die nur der Zuhörer hört. In
der Montagesequenz von Casablanca, in der mittels eines RĂŒckblicks die Vorgeschichte
erzÀhlt wird, wechselt Steiner mehrmals von sogenannter source music (diegetisch) zum
underscoring (nicht-diegetisch) und zurĂŒck. Underscoring wird hier benutzt, um dem
Zuschauer momentane emotionale Regungen eines oder mehrerer Protagonisten nahe-
zubringen, die der oder die anderen Beteiligten der Szene nicht wissen können, wÀh-
Der Filmkomponist Max Steiner
1888 - 1971
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Der Filmkomponist Max Steiner
- Subtitle
- 1888 - 1971
- Author
- Peter Wegele
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 302
- Keywords
- Film Music, Biography, Cinema, Musical science, Musicology, History of Music
- Category
- Biographien