Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Zeitschriften
Mobile Culture Studies The Journal
>mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
Page - 220 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 220 - in >mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Volume 2/2020

Image of the Page - 220 -

Image of the Page - 220 - in >mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Volume 2/2020

Text of the Page - 220 -

220 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel) Daniel Winkler | Mobile Bildinventare Bildinventare von EntfĂŒhrungserzĂ€hlungen PlĂŒnderungen von KĂŒstenorten bzw. EntfĂŒhrungen von Schiffen sind vor dem Hintergrund der konkurrierenden imperialen Politik Europas und des Osmanischen Reichs im frĂŒhneuzeit- lichen Mittelmeerraum ein relevanter sozioökonomischer Faktor. Zwischen dem frĂŒhen 16. und 19. Jahrhundert sind durch Piraterie und Freibeuterei seitens osmanischer bzw. europĂ€ischer Schiffe, u.a. der Malteser und Stephansritter, etliche 100.000 Menschen verschleppt worden. Unterschiedlichen Formen der ‚Versklavung‘ folgten oftmals Fluchtversuche bzw. lange Ver- handlungen fĂŒr den Freikauf von Sklaven zu hohen Lösegeldern (Bono 2009, 67ff., 161ff. bzw. 227ff.). Diese historischen Dynamiken wirken imagologisch und psychologisch auch in aktu- ellen Debatten ĂŒber Grenzregime im kollektiven GedĂ€chtnis Europas nach. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die BrĂŒder Arudsch und Hayreddin Barbarossa, Freibeuter bzw. Statthalter in Algier, die zahlreiche PlĂŒnderungen durchfĂŒhrten und schließlich die Flotte der Heiligen Liga besiegten. Die sogenannten Barbaresken-Staaten Nordafrikas standen so Mitte des 16. Jahrhunderts fest unter osmanischer Kontrolle (Bono 2009, 31ff., 184ff.).1 Neben Ruinen von WehrtĂŒrmen an mediterranen KĂŒstenorten sowie Polizei- und Zeitungs- berichten von EntfĂŒhrungen von Schiffen bzw. Christen- und ‚TĂŒrkenmassakern‘ in HĂ€fen mit großen SklavenmĂ€rkten wie Algier, Genua oder Marseille erinnert an diese transmediterrane Kulturgeschichte eine ab dem frĂŒhen 16. Jahrhundert einsetzende Vogue von ‚Selbstberichten‘. In diesen halten Emmanuel de Aranda, Diego de Haedo, Germain MoĂŒette oder Vincent de Paul restrospektiv eigene Reiserfahrungen in eindrĂŒcklichen Bildern fest. In der Forschung werden diese europĂ€ischen, mitunter auch nordamerikanischen und -afrikanischen Texte, die zum Teil eine Reihe von Auflagen erlebten, als ‚Barbary Captivity Narratives‘ oder ‚Sklaven- berichte aus Nordafrika‘ bezeichnet (vgl. u.a. Vitkus 2001; Weiss 2011; Klarer 2019). Es handelt sich also um eine ganz eigene Spielart des Reiseberichts. Charakteristisch fĂŒr diese Texte ist Mario Klarer zufolge (2019, 35–36) eine stark sentimental gestaltete Handlung mit mitleidserre- gender Funktion, die meist die abenteuerreichen und leidvollen Erfahrungen europĂ€isch-christ- licher Protagonist_innen betont. Zum populĂ€ren Bildinventar gehören dabei die Kaperung und Versklavung, das Erleiden ‚barbarischer‘ Gewalt bei religiös-sexueller Standhaftigkeit, aber auch große Freiheiten im Alltagsleben und Karrieren auf Basis religiöser Konversion. Dement- sprechend finden sich in solchen Texten oft wohlwollende Besitzerfiguren, aufregende Flucht- versuche und am Ende meist eine Befreiung per Freikauf samt RĂŒckkehr nach Europa. Aus einer narratologischen Perspektive sind diese Bildinventare allerdings keine Eigenheit von mitunter auch fingierten EntfĂŒhrungsberichten. Derartige Muster finden sich genauso in anderen Gattungen, nicht zuletzt dem Roman (Klarer 2019, 40ff.). Mit dem Ziel der Unter- haltung oszillieren ‚BerberkĂŒsten‘-ErzĂ€hlungen zwischen Kontinenten und Gattungen, indem sie die transmediterrane EntfĂŒhrung, Versklavung, Befreiung und RĂŒckkehr mit literatur- und kulturgeschichtlich ausgeprĂ€gten Blickregimen und Affektpoetiken versehen. Entsprechende Geschichten lassen sich so quer durch die romanische Neuzeit beobachten: von Miguel de Cervantes erfahrungsbasierten novellistischen und theatralen Texten (El amante liberal bzw. Trato de Argel) ĂŒber die ausgedehnten Barockromane Henry Du Lisdams und Madeleine und Georges de ScudĂ©rys (L’esclavage du brave chevalier de Vintimille; Ibrahim ou L’illustre Bassa), 1 Zum kulturhistorischen Kontext mediterraner Freibeuterei und Sklaverei in der französischen FrĂŒhen Neuzeit vgl. Gillian Weiss 2011.
back to the  book >mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Volume 2/2020"
>mcs_lab> Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
Title
>mcs_lab>
Subtitle
Mobile Culture Studies
Volume
2/2020
Editor
Karl Franzens University Graz
Location
Graz
Date
2020
Language
German, English
License
CC BY 4.0
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
270
Categories
Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
>mcs_lab>