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Daniel Winkler | Mobile Bildinventare
Bildinventare von Entführungserzählungen
Plünderungen von Küstenorten bzw. Entführungen von Schiffen sind vor dem Hintergrund
der konkurrierenden imperialen Politik Europas und des Osmanischen Reichs im frühneuzeit-
lichen Mittelmeerraum ein relevanter sozioökonomischer Faktor. Zwischen dem frühen 16. und
19. Jahrhundert sind durch Piraterie und Freibeuterei seitens osmanischer bzw. europäischer
Schiffe, u.a. der Malteser und Stephansritter, etliche 100.000 Menschen verschleppt worden.
Unterschiedlichen Formen der ‚Versklavung‘ folgten oftmals Fluchtversuche bzw. lange Ver-
handlungen für den Freikauf von Sklaven zu hohen Lösegeldern (Bono 2009, 67ff., 161ff. bzw.
227ff.). Diese historischen Dynamiken wirken imagologisch und psychologisch auch in aktu-
ellen Debatten über Grenzregime im kollektiven Gedächtnis Europas nach. Eine wesentliche
Rolle spielen dabei die Brüder Arudsch und Hayreddin Barbarossa, Freibeuter bzw. Statthalter
in Algier, die zahlreiche Plünderungen durchführten und schließlich die Flotte der Heiligen
Liga besiegten. Die sogenannten Barbaresken-Staaten Nordafrikas standen so Mitte des 16.
Jahrhunderts fest unter osmanischer Kontrolle (Bono 2009, 31ff., 184ff.).1
Neben Ruinen von Wehrtürmen an mediterranen Küstenorten sowie Polizei- und Zeitungs-
berichten von Entführungen von Schiffen bzw. Christen- und ‚Türkenmassakern‘ in Häfen mit
großen Sklavenmärkten wie Algier, Genua oder Marseille erinnert an diese transmediterrane
Kulturgeschichte eine ab dem frühen 16. Jahrhundert einsetzende Vogue von ‚Selbstberichten‘.
In diesen halten Emmanuel de Aranda, Diego de Haedo, Germain Moüette oder Vincent de
Paul restrospektiv eigene Reiserfahrungen in eindrücklichen Bildern fest. In der Forschung
werden diese europäischen, mitunter auch nordamerikanischen und -afrikanischen Texte, die
zum Teil eine Reihe von Auflagen erlebten, als ‚Barbary Captivity Narratives‘ oder ‚Sklaven-
berichte aus Nordafrika‘ bezeichnet (vgl. u.a. Vitkus 2001; Weiss 2011; Klarer 2019). Es handelt
sich also um eine ganz eigene Spielart des Reiseberichts. Charakteristisch für diese Texte ist
Mario Klarer zufolge (2019, 35–36) eine stark sentimental gestaltete Handlung mit mitleidserre-
gender Funktion, die meist die abenteuerreichen und leidvollen Erfahrungen europäisch-christ-
licher Protagonist_innen betont. Zum populären Bildinventar gehören dabei die Kaperung
und Versklavung, das Erleiden ‚barbarischer‘ Gewalt bei religiös-sexueller Standhaftigkeit, aber
auch große Freiheiten im Alltagsleben und Karrieren auf Basis religiöser Konversion. Dement-
sprechend finden sich in solchen Texten oft wohlwollende Besitzerfiguren, aufregende Flucht-
versuche und am Ende meist eine Befreiung per Freikauf samt Rückkehr nach Europa.
Aus einer narratologischen Perspektive sind diese Bildinventare allerdings keine Eigenheit
von mitunter auch fingierten Entführungsberichten. Derartige Muster finden sich genauso in
anderen Gattungen, nicht zuletzt dem Roman (Klarer 2019, 40ff.). Mit dem Ziel der Unter-
haltung oszillieren ‚Berberküsten‘-Erzählungen zwischen Kontinenten und Gattungen, indem
sie die transmediterrane Entführung, Versklavung, Befreiung und Rückkehr mit literatur- und
kulturgeschichtlich ausgeprägten Blickregimen und Affektpoetiken versehen. Entsprechende
Geschichten lassen sich so quer durch die romanische Neuzeit beobachten: von Miguel de
Cervantes erfahrungsbasierten novellistischen und theatralen Texten (El amante liberal bzw.
Trato de Argel) über die ausgedehnten Barockromane Henry Du Lisdams und Madeleine und
Georges de Scudérys (L’esclavage du brave chevalier de Vintimille; Ibrahim ou L’illustre Bassa),
1 Zum kulturhistorischen Kontext mediterraner Freibeuterei und Sklaverei in der französischen Frühen Neuzeit
vgl. Gillian Weiss 2011.
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Mobile Culture Studies, Band 2/2020
The Journal
- Titel
- >mcs_lab>
- Untertitel
- Mobile Culture Studies
- Band
- 2/2020
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Ort
- Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch, englisch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal