Page - 135 - in Mobile Culture Studies - The Journal, Volume 4/2018
Image of the Page - 135 -
Text of the Page - 135 -
Mobile Culture Studies. The Journal 4 2o18
Stefanie Bürkle | Identität durch Architektur 135
(Böhme 1995, 36). Schoper spricht von der Beziehung zwischen Begriff, Ding und Bild.
In diesem philosophisch-ästhetischen Verständnis wäre das Bauwerk als künstlerisches
Werk zu begreifen und zu beschreiben. Bei der Migration von Räumen entstehen die Räume der
Remigranten in einem langwierigen und von wechselhaften Rahmenbedingungen geprägten
Prozess, in dem die Gestaltung zunächst hinter die funktionalen Aufgaben zurücktritt. Das
Material, das Dingliche, steht im Vordergrund. Die Materialität jedoch steht nicht jenseits des
Sozialen, sondern wird von den Menschen innerhalb ihres tradierten Systems von Sinn- und
Bildgebungen wahrgenommen (Löw 2009, 353). Das heißt, es werden Bild- oder Raumvor-
stellungen umgesetzt, wobei ein bauliches Element aus dem Aufnahmeland am Gebäude im
Herkunftsland seinen Platz finden kann. So wird das Bauwerk in das städtebauliche Umfeld,
die Sprache, integriert oder davon abgehoben. Hier ist also von einer Architektur die Rede, die
nicht selbst Sprache sein will, sondern lokale, regionale und ethnische Dialekte spricht (Oliver
2006, 17). Identität durch Architektur bezieht sich unserer Auffassung nach auf ein umfas-
senderes Selbstverständnis von Architektur, das sich nicht auf einzelne Werkbeschreibungen
reduzieren lässt:
»Architecture is a socio-environmental art form rather than a fine art – its criticality is at
once aesthetic, environmental and social. The renunciation of the fixation on form, how-
ever, needs to be tempered by a critical engagement with the role of built form and place
identity in practices of power.« (Dovey 2013, 88)
In diesem erweiterten sozialen Verständnis einer Identität durch Architektur kann von
einer wechselseitigen Beeinflussung ausgegangen werden. Die soziale Identität des Bauherrn als
Gestalter findet ihren Ausdruck in dem Bauwerk und im Gegenzug bestimmt das Bauwerk die
Identität des Bauherrn mit. Identität ist dabei nicht ausschließlich als eine kulturell oder ökon-
omisch determinierte Sollgröße zu verstehen, mit der Absicht in einer bewusst definierten Form
ein soziales Umfeld zu beeindrucken, sondern als eine auf Erfahrungen in sozialen Situationen
beruhende Selbstdefinition (Berger et al. 1973, 69).
In der Untersuchung zu den Raumvorstellungen und Bauwerken von tĂĽrkischen Remi-
granten werden unterschiedliche soziale und räumliche Erfahrungen sichtbar, die beispielsweise
aus einer Zeit vor dem Verlassen des Herkunftslandes stammen oder sich auf Ankommen und
Leben im Aufnahmeland oder Besuche im Herkunftsland zurĂĽckfĂĽhren lassen. Die Erfahrun-
gen in unterschiedlichen sozialen und räumlichen Welten sind einem fortwährenden Wandel
ausgesetzt. Sie beeinflussen in unterschiedlichem AusmaĂź die Vorstellungen von der Gestalt des
Hauses, das als Lebensmittelpunkt ein »subjektives Reich der Identität [als] hauptsächliche[r]
Halt des Individuums in der Wirklichkeit« (Berger et al. 1973, 73) bildet. Als umbauter Raum
bildet das Haus somit die materielle Grenze zwischen den sich wandelnden Lebenswelten und
dem eigenen Selbstverständnis. Beide Raumvorstellungen beeinflussen sich wechselseitig.
Anonyme Architektur oder Individualisierte Gehäuse
Zunächst sind die Häuser der Remigranten Architektur ohne Architekten. Ein Auswahlkrite-
rium bei der Suche nach Gesprächspartnern war die fehlende professionelle Expertise für den
Bau von Häusern, denn es sollte nicht die Architektur von remigrierten Architekten, sondern
Mobile Culture Studies
The Journal, Volume 4/2018
- Title
- Mobile Culture Studies
- Subtitle
- The Journal
- Volume
- 4/2018
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2018
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 182
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal