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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
anderer Stelle6 erhebt sie die Frage, ob Themen imDialog debattiert werden
können (can issues be debated in dialogue), oder ob es imDialog nur darum
gehe, demanderen zuzuhören.Klar hebt siedenDialog von jener Scheinkom-
munikation (fake communication) ab, welche sie zunehmend in Politik und
Gesellschaft konstatiert und durch welche sie die Freiheit und WĂĽrde der
Menschen verletzt sieht. In diesem Sinn bedeutet fĂĽr sie Gewalt in all ihren
FormendasgenaueGegenteil vonDialog.7
Allerdingsbirgt geradedieThematisierungexistentiell tiefgehender religiö-
serundethischerFragenaucheinhohesKonfliktpotential,dasentschärftwerden
kannundmuss, indem jener gegenseitige Respekt gestärkt wird, der auf dem
Bewusstsein basiert, dass alleMenschen als kontingente undbegrenzteWesen
letztlichaufderSuchenachderWahrheit sind,dieseaberniemalsvollumfäng-
lich besitzen können.Darüber hinausweist Gabriel auch auf eine demDialog
inhärenteSpannunghin:Einerseitsbedarfdiesereinerstarkenundreflektierten
Identität bei jenen, die daranpartizipieren.Die eigenePosition zu verleugnen
würdeeinenechtenDialognämlichgeradeverunmöglichenundeinembilligen
Synkretismus Vorschub leisten.8 Andererseits jedoch muss die Identität der
Dialogpartnerauchsooffengehaltenwerden,dassesmöglichist,voneinanderzu
lernen. Dieses hermeneutische Prinzip anzuerkennen, bildet nachGabriel die
Grundlagedafür,dassimDialogneueEinsichtengewonnenwerdenkönnen,die
niemals reinkognitiven, sondern immer auchexistentiellenCharakter haben.9
EineganzeigeneQualitätkommtnachGabrieldem–sichvoneinem„Dialog
des Lebens“10 und dem (interreligiösen) Dialog über religiöse Erfahrung und
Theologie11 imBlick auf Inhalte,ZieleundWahrheitsansprüche abhebenden–
Dialogüberethische(undrechtliche)Fragenzu.12Währendesiminterreligiösen
Dialogüber theologischeFragendarumgeht,denanderenrespektvoll zuzuhö-
renundzuerfahren,wiesiesichverstehen,nichtjedochdarum,zugemeinsamen
Konklusionenzukommen,bestehtdasZieldesethischenDialogsnachGabriel
durchausineinemKonsensĂĽberrichtigundfalschsowiegerechtundungerecht.
Ein solcher liege auch imRahmendesMöglichen, daReligionen in ethischen
FragenwesentlichwenigerdifferierenwĂĽrdenals in ihrenGlaubenssystemen.13
IndiesemSinnescheinenGabrielethischeFragenalsbesondersprädestiniertfür
6 Vgl.Gabriel, LikeRosewater, S. 10.
7 Vgl.Gabriel,AllLife IsEncounter, S. 318.
8 Vgl.Ebd., S. 317–318; S. 321–322.
9 Vgl.Ebd., S. 318.
10 Vgl.Gabriel, LikeRosewater, S. 13–14.
11 Vgl.Ebd., S. 14–18.
12 Vgl.Ebd., S. 18–23.
13 Vgl.Ebd.,S. 19.AuchimBlickaufsäkular-humanistischeZugängezurEthikhältGabrieldie
Gemeinsamkeitenmitreligiös fundiertenEthikenfürwesentlichgrößeralsdieDifferenzen.
Vgl.Ebd., S. 20.
PapstFranziskusundderDialogalsWegChristlicherSozialethik 141
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik