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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
„Nicht alle sindberufen, direkt inderPolitik zuarbeiten, doch imSchoßderGesell-
schaftkeimteinezahlloseVielfaltvonVereinigungenauf,diesichfĂĽrdasGemeinwohl
einsetzen,indemsiedienatürlicheundstädtischeUmweltschützen.Siekümmernsich
zumBeispiel umeinöffentlichesObjekt (ein Bauwerk, einenBrunnen, ein verwahr-
lostesDenkmal,eineLandschaft,einenPlatz),umetwas,dasallengehört,zuschützen,
zu sanieren, zu verbessernoder zu verschönern. In ihrerUmgebung entwickeln sich
Bindungenoderwerdensolche zurückgewonnen, undes entsteht einneuesörtliches
soziales Gewebe. So befreit sich eine Gemeinschaft von der konsumorientierten
Gleichgültigkeit.Das schließt dieBildungeiner gemeinsamen Identität ein, einerGe-
schichte,diebleibtundweitergegebenwird.AufdieseWeisewirdfĂĽrdieWeltundfĂĽr
dieLebensqualität derÄrmstengesorgt,mit einemsolidarischenEmpfinden,das zu-
gleich das Bewusstsein ist, in einem gemeinsamen Haus zu wohnen, das Gott uns
anvertrauthat.Diese gemeinschaftlichenAktionenkönnen,wennsieAusdruckeiner
hingebungsvollenLiebesind,zuintensivenspirituellenErfahrungenwerden.“(LS232)
EinerseitsmüssenReligionsgemeinschaftenaktivanderPflegedesöffentlichen
Raumes teilnehmen, andererseits frage ich, ob nicht auch ihre Präsenz im öf-
fentlichenRaum,wennsie sichvonallenVersuchenseiner (symbolischen)Be-
herrschung lossagen,positivzudessenBereicherungbeitragenkann. Ingeborg
Gabriel spricht von „their positive contribution to public life“ bzw. vom„po-
tential for the public sphere“19. Gerade religiöse Gemeinschaften, die in einer
Region eher in der Position einerMinderheit sind, lassen durch ihre Präsenz
öffentlichenRauminseinerDiversität undVielfalt sichtbarwerden.Vorausge-
setzt ist indiesemPlädoyerfüreineSichtbarkeitvonReligionenimöffentlichen
Raum,dassdieseralssolchervondenReligionsgemeinschaftenakzeptiertwird,
dass diese immerwiederAbschied nehmenvon sich einstellendenTendenzen
machtvollerSelbstinszenierungunddasseseinerechtsstaatlicheOrdnunggibt,
welchenichtvonreligiösemEigenrechtaußerKraft gesetztwerdenkann.20
ÜberdieBedeutungeinzelnerReligionsgemeinschaften fürdenöffentlichen
Raumhinausgehend,könntegeradeder interreligiöseDialogzudessenGestal-
tung beitragen.WoDialog (wie partiell auch immer) gelingt, könnte er zum
Modell für eineproduktiveVerständigungvonGruppenmitunterschiedlichen
Grundeinstellungen oder Lebensanschauungen werden. Michael MĂĽller be-
stimmt Stadt als einen Raum, inwelchem „ununterbrochenDifferenzen pro-
zessiert“,d.h.vermitteltwerden:„sozialeDifferenzen,ökonomische,räumliche,
19 Gabriel,TheRoleofReligions in thePublicSquare, S. 184f.
20 GeorgEssen führt aus, dass, „wenn eineReligion imöffentlichenRaumsagt:UnsereTra-
dition ist sowichtig, dasswir sie für eingelingendesZusammenlebeneinbringenmöchten
und entsprechend auf Kooperationmit demStaatWert legen, dann ist sie nachhaltig ge-
fordert,dieneuzeitlicheFreiheitalsSinn-undGrundprinzipdesStaatesanzuerkennen.“,vgl.
Interviewmit Georg Essen: „In Freiheit gesetzteOrdnung“, in:HerderKorrespondenz 1/
2014,S. 15–20,hier: S. 19f.
InterreligiöserDialog,öffentlicherRaumundÄsthetik 169
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik