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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
die Lage des andern versezen [sic!], daß er die Sphäre des andern zu seiner
eigenenSphäremachenkann“.Dabei erscheint derGedankeGottes gerade als
einer,welcherdieÜbersetzungder je individuellenSphärenineinander fordert.
Sogibt es einBedürfnisderMenschen,
„ihreverschiedenenVorstellungsartenvonGöttlichemeben […]sicheinander zuzu-
gesellen, und soderBeschränktheit, die jede einzelneVorstellungsart hat undhaben
muß, ihre Freiheit zu geben, indemsie in einemharmonischenGanzenvonVorstel-
lungsartenbegriffen ist“25.
EinwesentlicherAspektderSchrift istmithin,dassderGottesgedankeoderdas
Gottesverhältnisnurdann inseiner IndividualitätundFreiheitgedachtwerden
kann, wenn es zu immer neuen Vermittlungs- undÜbersetzungsvorgängen
führt,die seineBeschränktheit aufheben.
Im selben Fragment bestimmtHölderlinReligionüber zwei derKunst (ge-
nauerderDichtkunst) entnommeneBegriffe: „Stoff“und„Vortrag“26.Religion
lassesichniemalsnuraufihreinhaltlicheDimension,aufihrenStoff, reduzieren
undkönnenichtbloßinGedankenexistieren,sondernbedürfeimmerauchihrer
lebendigenDarstellung, ihres Ausdrucks, desVortrags. So kann etwa imGot-
tesdienstnichtaufdieVerlesungdesEvangeliumsverzichtetwerden,wenndies
beiallenTeilnehmendenalsbekanntvorausgesetztwerdenkann.Esbedarfdesje
neuenVortrags,dersichniegänzlichinder inhaltlichenDimensionauflöstund
als solcherbedeutungsloswürde.27
IhreAusdrucksformen findenReligionen inderLiteratur,derDichtung,der
Musik,denbildendenKünsten,demTanz,derGartenbaukunst,derArchitektur
etc.AusdrucksformenderunterschiedlichenKünstewerden indenReligionen
aufgenommen, wiederholt, verändert, mit Bedeutung angereichert, weiterent-
wickelt.DabeigehtesjedochnichtumeineeinseitigeIndienstnahmederKünste
durch dieReligion, sondernumgekehrt vermögen auchdie jeweilig aufgegrif-
fenen künstlerischen Formen denGehalt, d.h. den Stoff, der Religionweiter-
zuentwickeln.Darüberhinausistdas,wasalskünstlerischeFormaufgenommen
wird, immer auchmehr und anderes, als in einer bestimmten religiösenVer-
wendungzumAusdruckkommenkann.KeinekünstlerischeForm,diereligiöse
Bedeutungerhält, erschöpft sichgänzlich indieser. Sie istdarüber immerauch
hinaus, kann direkt oder überVermittlung auch in andere, profaneKontexte,
aberauch indieSymbolwelt andererReligioneneingehen.
25 Ebd., S. 11.
26 Ebd., S. 14f.
27 ImÜbrigenwäreesgenausowidersinnig, dieRezitationvonGedichtendurch Inhaltsanga-
ben, dieman von ihnen erstellt, zu ersetzen. Es gibt einenÜberschuss des Vortrags, der
Aufführung,derPerformance.
InterreligiöserDialog,öffentlicherRaumundÄsthetik 171
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik