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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
zönobitischenMönchtumineinerbesonderenWeisesowohldereschatologische
wie auchder gemeinschaftlicheGrundzugderĂ–stlichenKircheklar zumVor-
schein.14 ImMönchtumstanddiesozialeNaturderMenschenimVordergrund,
währendder Individualismus als zerstörerisch galt. Florovsky verweist auf Jo-
hannesChrysostomus, „einenvondengrößten christlichenProphetender so-
zialen Gleichheit undGerechtigkeit“,15 der glaubte dass die Gesellschaft nach
demVorbilddeszönobitischenMönchtumsaufgebautwerdensollte,d.h.aufder
BasisderĂśberwindung jederpossessivenHaltung.
Florovsky nennt drei Prinzipien, welche fĂĽr die Haltung der Orthodoxen
Kirche gegenĂĽber der Gesellschaft charakteristisch sind: 1) Im Orthodoxen
Osten ist das Prinzip derGleichheit allerMenschen tief in der Seele derGläu-
bigenverwurzelt. „EsgibtkeinenRaumfür irgendwelchesozialeoderrassische
Unterscheidungen innerhalbderOrthodoxenKirche, trotz ihrerkomplizierten
hierarchischenStruktur“.162)DieStellederKirche ist anderSeitederBedürf-
tigen,derArmen,derMĂĽhseligenundBeladenenundnichtderBesitzenden,an
der Seite der reuigen „Zöllner“ und nicht der sich selbst rechtfertigenden
„Pharisäer“.Zweifelsohne istdasPrinzip,dassdieKirche„immeraufderSeite
derDemütigenundSanftmütigenundnichtderStarkenundStolzen“17steht,oft
vernachlässigtworden,seineGeltungwurdejedochimOrthodoxenOstenniein
Zweifelgezogen.3)WegenihrersozialenAusrichtungerschiendieKirchenicht
als eine „dominierende Institution“. ImÖstlichen Orthodoxen Christentum
lebt,wieFlorovskyhinzufügt, seit jeher „ein starker sozialer Instinkt, trotzder
historischenVerwicklungenundRückschritte“.18
Gewiss, die starke eschatologischeAusrichtung in derOrthodoxie, die ver-
bundenistmitdemGlaubenandieVergänglichkeitdergeschichtlichenMächte,
an die Brüchigkeit der Institutionen und an die Vorläufigkeit aller weltlichen
Einrichtungen, hat eineDistanz des Gläubigen gegenüber den Strukturen der
Welt zurFolge.Dasbedeutet jedochmitnichteneine Indifferenz fĂĽrdasLeben
desMenschenaufseinemgeschichtlichenWeg,dassichjanichtunabhängigvon
denOrdnungenderWeltabspielt.NureinMissverständnisdereschatologischen
Dimension im Sinne eines antihistorischen Eschatologismus könnte eine In-
differenzgegenĂĽberderGeschichteverursachen.InderHaltungderOrthodoxie
gegenüber der Geschichte wird das „In-der-Welt-Sein“ der Kirche in seiner
Gleichursprünglichkeit mit ihrem „Nicht-von-dieser-Welt-Sein“ offenbar.Wo
das„In-der-Welt-Sein“derKirche inein„Von-der-WeltSein“verwandeltwird,
14 Vgl.GeorgesFlorovsky,DassozialeProbleminderĂ–stlichenOrthodoxenKirche, in:Ders.,
ChristentumundKultur,Werke II.,Thessaloniki1982, S. 165–180(griechisch).
15 Ebd.
16 Ebd.
17 Ebd.
18 Ebd.
KonstantinosDelikostantis178
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik