Page - 266 - in Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben - Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
Image of the Page - 266 -
Text of the Page - 266 -
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
Kontinuität zu traditionellenWertvorstellungen sieht, ist jedochnichtweniger
problematisch, steht sie doch in der Gefahr, die kritisch-emanzipatorische
OrientierungmodernenRechtsabzublendenoderzunivellieren.Weitreichende
Missverständnisse inderTheorieundPraxisderMenschenrechtewärendamit
vorprogrammiert.1
Diskontinuitäts- und Kontinuitätszuschreibungen finden sich bis heute in
manchenVarianten, zumBeispiel inderkatholischenSozialethik. In ihrerUn-
sicherheit imUmgangmitdemAnspruchmodernerFreiheitsrechtependeltedie
KatholischeKirche langeZeit zwischenbeidenPolenhinundher,undmanche
Schwankungen finden sichauchheutenoch.Bekanntlich lehntedieKirchedie
MenschenrechteĂĽber anderthalb Jahrhunderte hinweg alsManifestation einer
gottlosen jakobinischen Ideologie vehement ab. Nach einer Zwischenphase
vorsichtigerAnnäherunggelangaufdemZweitenVatikanischenKonzildannder
systematischeDurchbruchzurAnerkennungderMenschenrechte,insbesondere
der Religionsfreiheit.2Wie der Titel des einschlägigenKonzilsdokuments von
1965 –Dignitatis Humanae – verdeutlicht, war dafür vor allem die Idee der
MenschenwĂĽrde leitend, in deren Licht die Kirche nun die grundlegenden
FreiheitsrechtewĂĽrdigenkonnte.3NachderschlussendlichenĂśberwindungder
traditionellenpolemischenAbwehrpositionzeigten sichunterdessenbaldTen-
denzen,dieMenschenrechte–als „christlicheWerte inmodernerGestalt“ – in
die eigeneethisch-religiöseTraditionschlicht zuvereinnahmen.Hattedieoffi-
zielle Verdammung derMenschenrechte, kulminierend im berüchtigten „Syl-
labusErrorum“von1864,Annäherungenfür langeZeitaussichtsloserscheinen
lassen, sowirddieKonfliktgeschichte zwischenKatholischerKircheundMen-
schenrechtsidee imRückblickheute gernauf bloße „Missverständnisse“ redu-
ziert.
In einem Grundsatzdokument aus dem Jahre 2008 zeigt sich die Rus-
sisch-OrthodoxeKirchenachwie vor ausgesprochen skeptisch gegenĂĽberden
Menschenrechten;zumehralseinem„Ja-Aber“–mitAkzentaufdem„Aber“–
kann sie sich darin nicht durchringen.4Während der für dieMenschenrechte
1 Exemplarisch genannt sei nur diemenschenrechtlicheVerbĂĽrgung derGleichberechtigung
der Geschlechter oder die Emanzipation sexuellerMinderheiten, die inhaltlich ĂĽber tradi-
tionelleEthosformenklarhinausgehen.
2 Vgl.KonradHilpert,MenschenrechteundTheologie. Forschungsbeiträge zur ethischenDi-
mensionderMenschenrechte,Freiburg2001,S. 385–401.
3 Vgl.MarianneHeimbach-Steins, Religionsfreiheit. EinMenschenrecht unterDruck, Pader-
born2012,S. 51–101.
4 Vgl.MoskauerPatriarchat,TheRussianOrthodoxChurch’sBasicTeachingsonHumanDi-
gnity,FreedomandRights,2008,vgl.http://www.mospat.ru/en/documents/dignity-freedom-
rights(letzterZugriff:04.06.2019).Kritischdazu:JoachimWillems,DieRussisch-Orthodoxe
KircheunddieMenschenrechte, in:HeinerBielefeldt /VolkmarDeile /BrigitteHamm(u.a.)
HeinerBielefeldt266
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik