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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
DerBegriff der „traditionalvalues“ ist imVN-KontextdurchgezieltePoliti-
sierung regelrecht vergiftetworden,was die sachlicheAuseinandersetzung er-
heblich erschwert. Dies ist umso bedauerlicher, als die Thematik selbst ja
dringenderKlärung bedürftig wäre. Die Gefahr besteht, dass sich die Grund-
satzdebatteüberdasVerhältnismodernerMenschenrechte zuethischenTradi-
tionendurchNegierungderjeweilsentgegengesetztenExtrempositionnurnoch
imKreisedreht.
3. Hermeneutischsensible„Posttraditionalität“der
Menschenrechte
Die Spannung, die dieDebatteüber „traditional values“ undMenschenrechte
durchzieht –TraditionversusModerne,Kontextualität versusUniversalismus,
Historizität versus normativeUnbedingtheit usw. – lässt sichweder harmoni-
sierendĂĽberspielennochmiteinemSchlagaufheben.Siekannaberauchnicht
durcheinenKompromiss auf halberLinie entschärftwerden, sondernverlangt
nach systematischer Klärung. Ohne eine prinzipielle Klärung droht der An-
spruchderMenschenrechte insgesamt zuverschwimmen. Er könnte entweder
einemhistorischenKontextualismusverfallen, indemdieMenschenrechtsidee
ihre normative Prägnanz verlierenwürde, oder in einen sterilenGegensatz zu
gewachsenenethischenTraditionengeraten,der fĂĽrdieAkzeptanzchancender
Menschenrechteverheerendwäre.
AlsAusgangspunkt fürdieanstehendeKlärungkanndasFaktumderPlura-
lität dienen, das die modernen Gesellschaften durchweg kennzeichnet. Im
KontextvonModernisierungsprozessenhatsichsolchePluralitätoftkrisenhaft
Bahn gebrochen, wie sich paradigmatisch an den frühneuzeitlichen europäi-
schenKonfessionskriegenzeigen lässt. Schondamals stellte sichdieFrage,wie
ein faires Miteinander zwischen unterschiedlichen Gruppierungen gelingen
konnte,mit neuer Radikalität. Solange ethische und rechtliche Ordnungsvor-
stellungenunmittelbardemSelbstverständniseinerbestimmtenkonfessionellen
Traditionentsprangen,war einZusammenlebenmitAndersgläubigenauf glei-
cher Augenhöhe praktisch ausgeschlossen.Wie auch hätte eine substanzielle
Verständigung gelingenkönnen,wenndie einen auf das päpstlich beglaubigte
Naturrecht setzen,währenddie anderen imPapstden„Antichrist“ sahen.Ver-
treibungen,DiskriminierungoderZwangsbekehrungenwurdenallenfallsdurch
Phasen einer pragmatischenToleranzpolitik abgelöst, auf die aber letztlichnie
Menschenrechteund„traditionelleWerte“:EinehoffnungslosvergifteteDebatte? 271
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik