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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
wirklich „Zeichen der Freiheit“ sein kann,wennReligions- undWeltanschau-
ungsfreiheit undGleichberechtigung allerMenschen garantiert sind. Erst dies
ermöglichtnämlichdie Inanspruchnahmepositiver ebensowienegativerFrei-
heit gleichermaĂźen, wodurch einewirkliche Entscheidung fĂĽr oder gegen ein
Symbol erst getroffenwerdenkann.
Nicht zuletzt aus diesem Grund erscheinen einfache Verbote religiöser
SymboleohneBeachtungdes jekonkretenKontextesnichthilfreichzusein. Im
Besonderen da diese die fĂĽr die freiheitlicheWirkung des Rechts auf Religi-
onsfreiheit zentraledoppelteDimensiondiesesRechtsunddamitdenUmstand
missachten, dassderEinsatz fĂĽrdie Freiheit den islamischenSchleier nicht zu
tragenbzw. ihnablegenzukönnen,HandinHandgehenmussmitdemEinsatz
fürdie Freiheit den islamischenSchleier tragen zukönnen.Höchst problema-
tischerweisen sichLösungsversuchemittelsVerbotenaberauchdadurch,dass
sie die konkreten Lebensrealitäten und damit das Potential für Frauenrechte
auch religiöse Machtansprüche kritisch zu reflektieren und Deutungshoheit
auch fĂĽr sichselbst zubeanspruchenauĂźerAcht lassen.
Statt alsoeinenbloĂźvermeintlichenGegensatzzwischenFrauenrechtenund
demRecht auf Religions- undWeltanschauungsfreiheit beziehungsweise zwi-
schenEmanzipationundReligiositätaufzumachen,solltedasHauptaugenmerk
vielmehrdarauf liegen, Frauenundvor allem jungenMädchenZugang zuBil-
dung, vor allemaber zuHandlungsmacht zu garantierenund sie darin zuun-
terstützen selbstständig und unabhängig leben zu können.58Um dies zu er-
möglichen gilt es ganz generell Strukturen und Praktiken zu bekämpfen, die
Geschlechterungleichheit stützen. Dazu gilt es einerseits „die Autonomie von
Frauen aufKosten der vonReligionsgemeinschaften zu stärken sowie ihre so-
zialen, ökonomischen, rechtlichen und politischen Lebensbedingungen so zu
ändern, dass sie individuelle Wahlmöglichkeiten auch tatsächlich haben.“59
AndererseitsmĂĽssenReligionenundihreTraditionenaufgeschlechtsspezifische
Stereotype kritisch befragt werden. Gerade hierfĂĽrmĂĽssen Frauen auch hin-
sichtlich ihrerFähigkeitbestärktwerdensichtheologischenFragenzuwidmen.
Gelingenkanndiesvorallemdadurch,dassdieVielfaltinnerhalbvonReligionen
ebensowiejenederWegederEmanzipationanerkanntundgestärktwerdenund
dieMenschenrechte gemeinsam bejaht und in der Praxis umgesetzt werden.
Gerade denReligionenkommthierbei, aufgrund derNotwendigkeit dieMen-
schenrechte auch theologisch und ethisch aus den Glaubenstraditionen zu
fundieren, entscheidendeBedeutungzu.60
58 Vgl. Jenichen,FrauenrechteundReligionsfreiheit, S. 142.
59 Ebd.
60 Vgl.Gabriel,MenschenrechteundReligionen,S. 34.
Religions-undWeltanschauungsfreiheit alsTeil derFrauenrechte 393
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik