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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
Facebook gibt z.B. 60 unterschiedliche Möglichkeiten für eine Geschlechts-
identität an.
Damit sindwir aber auch bei einer weiterenEntwicklung, nämlich derDi-
gitalisierungundderAuflösungderGrenzendurchdieneuenMedien:Mitden
sogenannten„sozialenMedien“wieFacebook,Twitteroder Instagramistman
unmittelbarmit der ganzenWelt vernetzt. Die räumliche Grenze ist für diese
Medien ebenso egal wie die ĂĽblichen Hemmschwellen in der unmittelbaren
BegegnungvonMenschen.Damit sind auchdieGrenzender persönlichen In-
timsphäre inAuflösungbegriffen.Die jüngsteDatenschutzverordnungmöchte
hier neue Grenzen einziehen – imWissen darum, dass sich durch Handys,
TabletsunddiverseandereelektronischeGerätemittlerweileganzvieleGrenzen
aufgelösthaben.
Schließlichmöchte ichnocheineEntwicklungnennen,die indenvergange-
nenJahrenzudenmassivstenVeränderungeninunsererGesellschaftgeführthat
– nämlich die Migrations- und Flüchtlingsbewegungen. Angetrieben durch
Hunger, Kriege oder aussichtslose Lebensumstände haben sich so vieleMen-
schenweltweit aufgemachtundhabendieGrenzen ihrereigenenHeimatĂĽber-
schritten, wie wohl selten zuvor. Bewusst ist uns dies in Europa aber erst so
richtiggeworden,alsdieeigenenLandesgrenzensostarkĂĽberschrittenwurden,
dassExistenzängsteauchbeiunsgewachsensind.
Und hier haben nicht zuletzt einige symbolisch ausgeschlachtete Grenz-
überschreitungen wie jene des sogenannten „Grenzsturms“ in Spielfeld im
Herbst2015dazugeführt,dassplötzlichwiederphysischeGrenzenhochgezogen
werden,wodavordiegrĂĽne,offeneGrenzezumindestfĂĽreinigeJahredominiert
hat.
Dass in ganzEuropa indenvergangenen Jahrennun fast ausnahmslos jene
ParteienWahlen gewonnen haben, die dieseÄngste derMenschen aufgreifen
und bedienen, die für geschlossene Grenzen sind und ein Bild einer „heilen
Heimatswelt“malen, zeigt, wie tiefgreifend dieseÄngste tatsächlich sind. An-
gestoßen durch die Völkerwanderungenwird das Heimat-Motiv revitalisiert;
plötzlich heißt es wieder „Wir“ und „die anderen“ – und Grenzen zwischen
Völkergruppen steigenwieder gewissermaßen aus demSumpf derGeschichte
empor.LängstüberwundengeglaubteRessentiments feiernwiederRenaissance
–unddies 100 Jahre nachdemEndedes ErstenWeltkriegs und 80 Jahre nach
demsogenannten„Anschluss“.
Interessant ist dies auch insofern, als gleichzeitig unser Leben extrem glo-
balisiert ist – und Globalisierungmeint ja letztlich die Auflösung nationaler
GrenzenhinzueinerWeltidentität.WaskannmandennnochvorOrt, regional
entscheiden – undwo sindwir abhängig von denEntscheidungen in Brüssel;
odernochehervondenEntwicklungendergroĂźenFirmen?Ichglaube,dassdie
derzeitigennationalistischenEntwicklungen inEuropaaucheineReaktionauf
Thesen fĂĽrdieZukunft kirchlichenHandelns 447
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik