Page - 462 - in Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben - Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
Image of the Page - 462 -
Text of the Page - 462 -
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
der ständigenGefahr aus, dass auch der anderemal Recht haben könnte. Am
EndeeinenKompromisszufinden,dasistkeineSchwäche,sonderndaszeichnet
unsaus!DieFähigkeit zumKompromiss istdieStärkederDemokratie.“4
Dialog, soscheintes, ist ein„Luxus“,densich leistenkann,werseiner selbst
gewiss ist.Werdagegen in seiner Identität verunsichert ist, grenzt sich abund
meidetdasRisikoderAuseinandersetzung:dasNeue,derAnderekönnteihmja
denBodenunterdenFĂĽĂźenwegziehenunddasFremdeihnĂĽberfremden.Dieses
Gefühl der Inferiorität, denn darumhandelt es sich letztlich, kann sich auch
einerganzenGenerationundeinerganzen(Teil)Gesellschaftbemächtigen.Dann
gehtesprimärumSelbstsorge,Selbstbewahrung,Selbstinszenierung–undum
SelbstgenĂĽgsamkeit,mehrschoneinZeichenvonRegression,womansichselbst
genugistundesnichtmehrnötighat,sichmitdemAnderenabzugeben.Manist
anAlexisdeTocquevilleerinnert,derschon1835diesePhänomeneimAmerika
seinerZeitbeschrieb.
„UninteressierteBürger, einVolkvonHändlern,nichtmitdemGemeinwohlbeschäf-
tigt, sondernmit sich selbst. Je stärker derWohlstand steigt, umsounpolitischer die
Menschen.UndjeunbegrenzterderLiberalismusschaltetundwaltet,umsoblasserdas
politische Bewusstsein der BĂĽrger. AmEnde, so prophezeite Tocqueville, werde die
Demokratieausgehöhltsein.DieBürgerverzichtetenaufihreBeteiligung,undderStaat
wandelt sichzueineralleserfassendenWohlfühldiktatur,ästhetischegalitär,politisch
totalitärundbestechendsmart.“5
DasklingtwieeineParabelaufunsereheutigeWohlfĂĽhlgesellschaft, indersich
jeder selbstderNächste ist.
DamagmansichmitWehmutdaranerinnern,wienochunterdemEindruck
derKatastrophedesZweitenWeltkriegsdieEinsichtdawar, dass es eineWelt-
organisation zur Förderung von Frieden und Freundschaft zwischen denNa-
tionengebenmüsse– indemBewusstsein:„AlleMenschensindfreiundgleich
anWürdeundRechten geboren“ (Art. 2 derAllgemeinenErklärungderMen-
schenrechte,1948).DochnochniestandendieMenschenrechte,wiesie1948 in
Parisniedergelegtwurden,derartunterDruckwieindiesenTagen.Denngerade
derenUniversalität – seinerzeit Frucht eines geglücktenProzesses der „Werte-
generalisierung“ (Hans Joas) –wirdvonRegierungen auf der ganzenWelt zu-
nehmendund systematisch inFragegestellt. Schlimmernoch: Selbst dieLegi-
timität undNotwendigkeit universellerMenschenrechte steht unter Beschuss.
Wir sind,mit einemWort vonHeinrichGeiselberger, „Zeugen eines Zurück-
4 Ebd.
5 Precht,Europa.
PeterKlasvogt462
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik