Page - 513 - in Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben - Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
Image of the Page - 513 -
Text of the Page - 513 -
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
ist immerwenigermöglich, FormenderRegulierungdurchzusetzen, die nicht
fast alle als „gerecht“befürworten.13
Schmoller istderAnsicht,dassdiesallesvonWirtschaftswissenschaftlernzu
Unrechtvernachlässigtwird,dieVerteilungsgerechtigkeitalsunwissenschaftlich
ablehnen.DieseĂ–konomensindderMeinung,dassMenschen,dieeinegerechte
VerteilungderEinkommenverlangen, töricht sindoder einemTrugbildunter-
liegen, ähnlich töricht wie jene, die Gott wegen Naturkatastrophen tadeln.
Schmollerbetont, er verlangenicht, dassdieVerteilungsgerechtigkeit vonEin-
kommen oder Reichtum „absolut“ gelte, dass jedoch die zahlreichen wirt-
schaftlichenAkte,die(aufderGrundlagevonTauschundArbeitsteilung)andere
undganzeGemeinschaftenbetreffen,gerechtseinmĂĽssen.SchmollerbegrĂĽndet
dies wie folgt: Soweit menschliches Handeln die Einkommensverteilung be-
einflusse,würden sozialpsychologischeProzesse ausgelöst, derenEndergebnis
Urteilewären,wonachdieseVerteilung als gerecht und jene als ungerecht an-
gesehenwĂĽrde.DaherwirddienormativeDiskussionĂĽberVerteilung faktisch
relevant sein. InderpolitischenÖkonomiewäre es laut Schmollerdumm, fak-
tisch auftretende normativeDiskussionenundKonflikte zu ignorieren, da sie
realeAuswirkungenhabenwerden: Eswirdoft vongroĂźerBedeutung fĂĽrden
FortgangsozioökonomischerDynamikensein,welcheWirkungbilligendeoder
missbilligende Urteile ĂĽber die Gerechtigkeit der Verteilungskonsequenzen
ökonomischerProzesse faktisch ausüben, sei es inprivatwirtschaftlichenAus-
handlungsprozessen, sei es in weitere Folge im politischen Raum. Schmoller
zufolgestehenInstitutionennichtĂĽberderGeschichte.Beijederinstitutionellen
KonkretisierungvonNormativität ist zu fragen:Wie ist sieentstanden?Welche
VorstellungenvonGerechtigkeithatsiehervorgebracht?WelcheNotwendigkeit
besteht fĂĽr sieheute?14
Besonders fruchtbareAnsätze indieRichtungeinessolchenDenkens finden
wir nun bei jenen Autoren, denen die Konzeptualisierung von „sozialer Ge-
rechtigkeit“einAnliegenwar.Gerechtigkeitsnormenwerdendabeizumeinenals
ein soziales Phänomen betrachtet, dasman nur versteht, wennman die Ent-
wicklung und Funktion von Gerechtigkeit theoretisch und empirisch erfasst.
Daran anschließendenormativeTheorie beleuchtet „sozialeGerechtigkeit“ als
umfassendes normatives Konzept, das seine Motivation in der komplexen
MehrebenenstrukturmodernerGesellschaften findet.Zumsozialtheoretischen
DiskussionsstranggehörenzeitgenössischeWissenschaftlerwiePeterCorning15,
13 Ders., DieGerechtigkeit in derVolkswirtschaft, in: Gustav Schmoller (Hg.), Jahrbuch fĂĽr
Gesetzgebung,VerwaltungundVolkswirtschaft5,Leipzig1881,S. 19–54;Ders.,TheIdeaof
Justice.
14 Ders.,The Ideaof Justice, S. 4–19.
15 Peter Corning, The Fair Society. The Science ofHumanNature and the Pursuit of Social
Justice,Chicago-London2011.
SozialeGerechtigkeitundpopulistischePolarisierung 513
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik