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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
DenBegriffderAngstthematisiertNussbaum,wiegesagt,ausführlichineiner
philosophisch-anthropologischen Perspektive.6Als typisches Beispiel für reli-
giöse Intoleranz auf der Grundlage vonAngst und daraus resultierender Ab-
neigung gegenüber religiöserPraxis erörtertNussbaumdasMinarettverbot in
derSchweiz.Auchdabei sei es, soNussbaum,umdieAngstvorderZerstörung
schweizerischerWerte gegangen.DiemuslimischeMinderheitwurdezumAn-
greifer und zur Invasionsmacht stilisiert, dieMinarette buchstäblich zu Sym-
bolen dieses Angriffs, die dementsprechend auf Plakaten und in Computer-
spielen graphisch als Raketen dargestellt wurden, „die sich überall in einer
idyllischenschweizerischenLandschafterheben“7. InähnlicherWeisegeltedies
fürBedeckungsverbote, diedarauf zielen, dasTragenvonKopftuchundNiqab
durch muslimische Frauen in derÖffentlichkeit zu unterbinden. Nussbaum
schildert ausführlich,wiedabeiÄngste vorUnbekanntemmit angenommenen
Gefahrenpotentialenverknüpftwerden:Frauen,dieausreligiösenGründeneine
bestimmteKleidung tragen, werden als Gefährdungsfaktoren imHinblick auf
ÜberfremdungimAllgemeinenundimHinblickaufeinemöglicheterroristische
Attacke imBesonderen identifiziert. Siewerden zuerst gesellschaftlich diskre-
ditiert und anschließend rechtlich diskriminiert. Durch die Bedeckungs- und
Verschleierungsverbote ist es muslimischen Frauen, die das Tragen dieser
Kleidung in derÖffentlichkeit aus religiösenGründen für verbindlich halten,
letztlichnichtmehrmöglich,sichinderÖffentlichkeitzubewegen.Genausolche
FolgenderAngstundderProjektionvonGefahrenaufAngehörigebestimmter
Religionensindes,dieNussbaumalsAusdruckreligiöserIntoleranzbezeichnet.
Die „Politik derAngst“ fungiert demnach gewissermaßen als Gegenmodell
zurPolitikderUnparteilichkeit,diediepolitischePhilosophiedesLiberalismus
auszeichnet. Nussbaums eigenes Modell einer der religiösen Vielfalt der Ge-
genwart unddem liberalenPrinzipdes gleichenRespekts gegenüber allenRe-
ligionenangemessenenPolitik ruhtaufzweiPrinzipien.Diese„sind,historisch
gesehen, eher amerikanisch als europäisch. Europäer teilen einige derGrund-
voraussetzungen (den Gedanken der Menschenwürde und Gleichheit), doch
insgesamthaben sie nicht in gleichemMaße gesetzliche Systemeerrichtet, die
aufGerechtigkeit gegenüberMinderheitenbei allenThemenachten,woMehr-
heitendieGesetzemachen“.8
InnormativerHinsicht gründet sichNussbaumsKonzeption auf zweiPrin-
zipien:DaserstePrinzip ist jenesdergleichenWürdeallerMenschen,dasnach
NussbaumsAuffassung sowohl gut begründet ist als auchüber ein hohes Zu-
6 Vgl.ChristianSpieß,ZwischenGewaltundMenschenrechten.ReligionimSpannungsfeldder
Moderne,Paderborn2016,S. 35–40.
7 Nussbaum,Neuereligiöse Intoleranz,S. 47.
8 Ebd., S. 59.
ChristianSpieß522
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik