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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
sungsstaatenhabenaberauchdiePflicht,religiöseAnsprücheundPraxisformen
in einem allgemeinen System der Freiheit zu ordnen; dies schlieĂźt auch die
Aufgabe ein, Menschen vor möglichen negativen Effekten der Religion zu
schĂĽtzen. Es kommt offenkundigmitunter zuKonflikten zwischenMenschen
unterschiedlicher ethnischer und kultureller Herkunft, zwischen Religiösen
unterschiedlicher Provenienz, zwischen religiösen und nicht-religiösenMen-
schen. Die Aufgabe der Politik ist es, den Trägern dieser unterschiedlichen
OrientierungengerechtzuwerdenundfĂĽrdieentsprechendenLebensformenin
einem für alle erträglichenbzw. grundsätzlich zustimmungsfähigenMaßFrei-
heitsspielräumezuöffnenundzugewährleisten. „Indenmodernenwestlichen
Industriegesellschaften ist dasGrundrecht derReligionsfreiheit zu einemzen-
tralen InstrumentderVerarbeitungvonKulturkonfliktengeworden.“26
DassdieProzesseder„VerarbeitungvonKulturkonflikten“dabeinichtneu-
tral sind, zeigt sich schon inderWahrnehmungunddiskursivenVerarbeitung
religiöserAnsprüche,wennetwadavondieRedeist,dassFraueneineBedeckung
tragenmĂĽssen (anstatt:dasssieeineBedeckungtragendĂĽrfen).Diesentspricht
zwar möglicherweise der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft, für die das
Tragen einer Kopfbedeckung unüblich und außergewöhnlich ist. Aber solche,
auf Konventionen beruhendenWahrnehmungsmuster dĂĽrfen politische Ent-
scheidungenĂĽberdieReichweiteunddieAusgestaltungdesMenschenrechtsauf
Religionsfreiheit, das letztlich natĂĽrlich auch einMinderheitenrecht ist, nicht
maĂźgeblichbeeinflussen.DennnatĂĽrlichgeht esnichtnurumdieFrage, obes
Frauenerlaubt sein sollte, inderĂ–ffentlichkeit eineKopfbedeckungoder auch
eine Verschleierung zu tragen, sondern ebenso umdie Frage, ob Frauen von
einemsäkularenRechtsstaatgezwungenwerdendürfen, sichohnedieaus ihrer
Sicht angemesseneKleidung in derÖffentlichkeit zu bewegen –undob es im
Zweifelsfall, wenn sie sich nicht ohneVerschleierung in derĂ–ffentlichkeit be-
wegenmöchten,ebenhinzunehmenist,dasssichdieseFrauengarnichtmehrin
derĂ–ffentlichkeitbewegen.GeradeandiesemmarkantenBeispielwirddeutlich,
dass sich die Religionspolitik der Republik Ă–sterreich in den vergangenen
Jahrenerkennbar voneinemPluralismusmitweitenFreiheitsspielräumenent-
fernthatundheutedeutlicheMerkmalederUngleichbehandlungaufweist–und
zwar eine Ungleichbehandlung, die insbesondere die Benachteiligung von
Muslimenimpliziert.Sowohl indengesellschaftlichenDebattenalsauchinden
politischenEntscheidungen finden sichSpureneiner „neuen religiösen Intole-
ranz“ im SinneMartha Nussbaums. Ob sich letztlich wirklich eine Transfor-
mation der österreichischen Religionspolitik zumModell einer privilegierten
ReligionoderzumModelleinerreligionsskeptischenLaicit8vollzieht, lässt sich
26 Christian Walter, Religionsverfassungsrecht in vergleichender und internationaler Per-
spektive,TĂĽbingen2006,S. 536.
ReligionspolitischeTransformation inĂ–sterreich? 529
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik