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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
3. MedizinundPflege imSpannungsfeldvonAutonomieund
FĂĽrsorge
Wieaberverhält sichdasPrinzipVerantwortungzurAutonomiedesPatienten?
DessenAutonomieundSelbstbestimmungsrecht gehörenheute zudengrund-
legenden ethischen Prinzipien inMedizin und Pflege. Um das Selbstbestim-
mungsrecht auchdannnoch zuwahrenund zu stärken,wennPatienten nicht
mehrselbstentscheidenkönnen,gibtesInstrumentewiePatientenverfügungen,
Vorsorgevollmachten und BetreuungsverfĂĽgungen, deren Verbindlichkeit in-
zwischenauchgesetzlichgeregelt ist. IhrekonkreteAuslegungundAnwendung
kann imEinzelfall allerdings strittig sein.Dasgilt insbesondere fĂĽrMenschen,
die an einerDemenzerkrankung leidenoder aus anderenGrĂĽnden ihre recht-
licheZustimmungsfähigkeit eingebüßthaben,gleichwohlaberbeiBewusstsein
sind.
Konzeptioneneiner„Care“-Ethik,dievoralleminderheutigenMedizinethik
einewichtige Rolle spielen, setzen voraus, dass Sorge (lat. cura) im Sinne der
Selbstsorge und der FĂĽrsorge, ein entscheidendes Grundmotiv menschlicher
LebensfĂĽhrung ist. Das Ethos des Helfens und seineMenschlichkeit grĂĽnden
ganzwesentlich in der Erfahrung unsererVerletzlichkeit, der eigenenwie der
Verletzlichkeit des Anderen.Wechselseitige HilfsbedĂĽrftigkeit ist gerade kein
Mangel, sondern imGegenteil eineGrundbedingungmenschlicherLebensfĂĽlle
undmenschlicher DaseinserfĂĽllung. Zeiten eigener Krankheit, aber auch die
Erfahrung der Krankheit des Anderen machen uns dies auf besonders ein-
dringlicheWeisebewusst.
Hilfreich sind in diesem ZusammenhangĂśberlegungen von Farideh Aka-
she-Böhme und Gernot Böhme zur Autonomie kranker und leidender Men-
schen.GegenĂĽberpaternalistischenMedizinkonzeptenspieltdieAutonomiedes
PatientenindengegenwärtigenmedizinethischenDebatten–geradeauchinder
DiskussionüberTherapieabbruch,SterbehilfeundPatientenverfügungen–eine
tragende Rolle. Oftmals besteht die Gefahr, dass von einem abstrakten Auto-
nomiebegriff ausgegangenwird, welcher der tatsächlichenHilfs- und Schutz-
bedürftigkeit kranker Menschen nicht gerecht wird. Gehört Krankheit zum
Lebendazu, ist, wie das Ehepaar Böhmeargumentiert, nichtAutonomie, son-
dernSouveränität das angemessenePersönlichkeitsideal. „EinMensch ist sou-
verän,wennermitsichetwasgeschehenlassenundAbhängigkeitenhinnehmen
kann.“7DieserGedankeberührt sichmitwesentlichenEinsichtendes christli-
chen Glaubens und seines Verständnisses von Menschenwürde, die auch
SchwerstkrankeundMenschenmitBehinderungennichtverlierenkönnen.
7 FaridehAkashe-Böhme /GernotBöhme,MitKrankheit leben.VonderKunst,mit Schmerz
undLeidumzugehen,Beck’scheReihe1620,München2005,S. 62; vgl.Ebd., S. 85.
UlrichH.J.Körtner554
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik