Seite - 554 - in Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben - Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
Bild der Seite - 554 -
Text der Seite - 554 -
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
3. MedizinundPflege imSpannungsfeldvonAutonomieund
Fürsorge
Wieaberverhält sichdasPrinzipVerantwortungzurAutonomiedesPatienten?
DessenAutonomieundSelbstbestimmungsrecht gehörenheute zudengrund-
legenden ethischen Prinzipien inMedizin und Pflege. Um das Selbstbestim-
mungsrecht auchdannnoch zuwahrenund zu stärken,wennPatienten nicht
mehrselbstentscheidenkönnen,gibtesInstrumentewiePatientenverfügungen,
Vorsorgevollmachten und Betreuungsverfügungen, deren Verbindlichkeit in-
zwischenauchgesetzlichgeregelt ist. IhrekonkreteAuslegungundAnwendung
kann imEinzelfall allerdings strittig sein.Dasgilt insbesondere fürMenschen,
die an einerDemenzerkrankung leidenoder aus anderenGründen ihre recht-
licheZustimmungsfähigkeit eingebüßthaben,gleichwohlaberbeiBewusstsein
sind.
Konzeptioneneiner„Care“-Ethik,dievoralleminderheutigenMedizinethik
einewichtige Rolle spielen, setzen voraus, dass Sorge (lat. cura) im Sinne der
Selbstsorge und der Fürsorge, ein entscheidendes Grundmotiv menschlicher
Lebensführung ist. Das Ethos des Helfens und seineMenschlichkeit gründen
ganzwesentlich in der Erfahrung unsererVerletzlichkeit, der eigenenwie der
Verletzlichkeit des Anderen.Wechselseitige Hilfsbedürftigkeit ist gerade kein
Mangel, sondern imGegenteil eineGrundbedingungmenschlicherLebensfülle
undmenschlicher Daseinserfüllung. Zeiten eigener Krankheit, aber auch die
Erfahrung der Krankheit des Anderen machen uns dies auf besonders ein-
dringlicheWeisebewusst.
Hilfreich sind in diesem ZusammenhangÜberlegungen von Farideh Aka-
she-Böhme und Gernot Böhme zur Autonomie kranker und leidender Men-
schen.GegenüberpaternalistischenMedizinkonzeptenspieltdieAutonomiedes
PatientenindengegenwärtigenmedizinethischenDebatten–geradeauchinder
DiskussionüberTherapieabbruch,SterbehilfeundPatientenverfügungen–eine
tragende Rolle. Oftmals besteht die Gefahr, dass von einem abstrakten Auto-
nomiebegriff ausgegangenwird, welcher der tatsächlichenHilfs- und Schutz-
bedürftigkeit kranker Menschen nicht gerecht wird. Gehört Krankheit zum
Lebendazu, ist, wie das Ehepaar Böhmeargumentiert, nichtAutonomie, son-
dernSouveränität das angemessenePersönlichkeitsideal. „EinMensch ist sou-
verän,wennermitsichetwasgeschehenlassenundAbhängigkeitenhinnehmen
kann.“7DieserGedankeberührt sichmitwesentlichenEinsichtendes christli-
chen Glaubens und seines Verständnisses von Menschenwürde, die auch
SchwerstkrankeundMenschenmitBehinderungennichtverlierenkönnen.
7 FaridehAkashe-Böhme /GernotBöhme,MitKrankheit leben.VonderKunst,mit Schmerz
undLeidumzugehen,Beck’scheReihe1620,München2005,S. 62; vgl.Ebd., S. 85.
UlrichH.J.Körtner554
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik