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Paolo Sanvito
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Weise in der gelehrten Zeitschrift Memorie per servire all’istoria letteraria gelobt.6 Daran
wird ersichtlich, dass Parma eine wichtige Rolle im Export des emilianischen maleri-
schen Quadraturismus gen Süden, Westen und Norden, speziell aber nach Österreich
spielte. Lenzi zufolge fand diese Malerei sogar eher in Parma als im barocken Rom Ver-
breitung (»prima e altrimenti che nella Roma barocca«),7 weshalb Parma in ganz Italien
herausstach. Der avantgardistischen Stellung Parmas im Bühnenbild entsprechend war
auch die Konzeption der dortigen Theateranlage innovativ. Wenden wir uns daher kurz
der Besonderheit der Gesamtanlage des Teatro Farnese zu.
Die Anlage des Teatro Farnese
Ausdruck der Gewagtheit der architektonischen Anlage (Abb. 2) ist in erster Linie ihre
Größe. Die räumliche Dimension des Hauptsaales (Breite 32,16 m; Länge einschließlich
Bühnenraum 87,22 m [nur Zuschauerraum gut 50 m] und Höhe 22,67, mit einem bei-
spiellos imposanten Sparren im Dachstuhl) blieben für Jahrhunderte unübertroffen. Un-
beantwortet ist bislang die wichtige Frage, warum Ranuccio Aleotti zum Architekten
bestimmte, der aus Argenta in der Romagna am damaligen Po-Delta südöstlich von Fer-
rara stammte. Naheliegender wäre es gewesen, einen Architekten aus der Toskana (die
Familie des Auftraggebers hatte zuvor u.
a. die Sangallo-Werkstatt beschäftigt) oder direkt
aus der Emilia zu engagieren. Entscheidend für die Wahl dürften mit Sicherheit Aleottis
große länderübergreifende Erfahrung im Theaterbau und sein Ruhm als spezialisierter
Baumeister gewesen sein. 1605 hatte er die Errichtung des Teatro degli Intrepidi in Ferrara
abgeschlossen (Abb. 3). Dieses hatte sich zum »centro istituzionale della vita culturale
ferrarese« mit einer großen »produzione teatrale« und einem beachtlichen »ufficio di im-
presariato e produzione« entwickelt.8 Aleotti hatte zudem in Parma 1616 für Ranuccio
I.
ein Turnier organisiert, in dem er seine organisatorisch-logistischen Fähigkeiten unter
Beweis stellen konnte. Es muss uns deshalb auch nicht verwundern, ihn hier in der Funk-
tion des Festorganisators oder Intendanten zu sehen. Schließlich war er bereits in Ferrara
als impresario in Erscheinung getreten. Es ist nicht ungewöhnlich, dass an den Höfen der
Frühen Neuzeit der Architekt des Bühnenhauses zugleich wesentlich an der Inszenierung
der Eröffnungsveranstaltung mitwirkte; deshalb war das Interesse des Hofes an Aleotti,
der sich seit mindestens 1606 auf der Höhe seines Ruhms befand, wohl gerechtfertigt.
Wie eine Beischrift auf Aleottis Präsentationszeichnung zeigt, die sich heute in
der Göttinger Universitätssammlung in einem Sammelband von Johann Friedrich
6 Anonymus 1759, S. 119: »acconcia […] per la miglior disposizione dei palchetti, è un’invenzione di
Andrea Sighizzi«.
7 Lenzi 1980, S.
95.
8 Ciancarelli 1987, S. 42–43.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur