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Der Stellenwert des Parmenser Teatro Farnese in der Geschichte des höfischen Musiktheaters
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des Ranuccio
I. gebaut worden, seine Kontextualisierung entsprach dem theatralischen
Anliegen des Herrschers. Eine solche Treppe kann an sich bereits als Bühnenbild ge-
sehen werden.
Die Sala d’Armi besaß schon ursprünglich die bereits erwähnten seitlichen Ein- und
Ausgänge aus dem Zuschauerraum – exakt dort, wo die erwähnten Reiterstandbil-
der heute noch stehen. Ihre Gestaltung rekurrierte auf antike Triumphpforten an der
Stelle der antiken Versurae: »L’occidentale conduceva al Palagio della Rocchetta, ora al
Teatrino; l’orientale non ha mai servito, che ad uso di finestra sul Cortile di S. Pietro
Martire. Sono formate da due mezze colonne Ioniche sporgenti da pilastri con piede-
stalli, basi, e capitelli, le quali reggono l’Architrave, il Fregio, la Cornice, e una Balaus-
trata, nel cui Campo medio sorge un mensolone alto.«20
Gleichzeitig wurden die Freskendekoration von den relevantesten Bologneser Ma-
lern Lionello Spada (1576–1622) und Girolamo Dentone (1575–1631) sowie ein ausge-
sprochen reicher Zyklus von Abgüssen und Gipsstatuen mit Strohkern angefertigt. Ihre
Technik hatten Aleotti und seine zahlreichen Mitarbeiter von dem Vicentiner Architek-
ten Scamozzi aus Sabbionetas Zyklen und anderen Stuckdekorationen übernommen.
Das Bühnenuntergeschoss von Parma enthält heute immer noch zahlreiche Fragmente
von diesen Statuen, die teilweise aus dem Schutt der Bombardierungen des Zweiten
Weltkrieges geborgen worden sind.
Die Einmaligkeit der Architektur ist – so hoffe ich – auf diese Weise offenkun-
dig geworden. Die technisch-architektonische Ebene ist ebenfalls klar herauszustellen:
Sie liegt in der Komplexität und Fortschrittlichkeit der Mechanik der Bühnentechnik,
durch die Verwendung von Maschinen für effektvolle Tanz- oder Gesangspektakel.
Aufschlüsse darüber erhalten wir durch einen Briefwechsel von 1628 zwischen dem
Bühnenmeister Francesco Guitti (Ferrara, ca. 1600–1640), dem Assistenten des großen
Erfinders und Staatsarchitekten, Giambattista Aleotti. Messungen im Zuge eines seit
2011 laufenden Projekts der TU Berlin, an dem ich mitwirke, haben die akustischen
Parameter des Theaters geliefert (Abb. 10) und bestätigen seine engen Verbindungen
zu den damals aktuellen musikalischen Anforderungen eines anspruchsvollen Musik-
theaters. Die Nachhallzeiten des besetzten Raums belaufen sich auf etwas mehr als zwei
Sekunden (bei einer Frequenz von 500 Hertz), was jedenfalls nach den erforderlichen
Maßstäben eines großangelegten Musiktheaters mit zahlreichen Sängern und hoch-
entwickelten Musikensembles, wie es aus den Notizen Francesco Guittis hervorgeht,
angemessen erscheint.
Die Qualität der Akustik geht sogar bereits aus einer Bemerkung des oben erwähn-
ten schwedischen Architekten Nicodemus Tessin d. Jüngeren (1654–1728) hervor: »Das
remarqvabelste an diesem theatro ist, dass wen einer gantz hinten nur sachte redet,
kann man dennoch alle wörter bei D hören. Die symfonie sitzet vorne in der kleinen
20 De Lama 1818, S. 11.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur