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Barockes Kulissen- und Maschinentheater
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»Diese Art, das Meer darzustellen, scheint mir die beste der schon erwähnten zu sein. Um
dies also zu tun, läßt man Zylinder herstellen, aus Brettleisten, welche nicht breiter als
vier Zoll sind. Diese läßt man nach Art von Wellen sägen, und sie müssen genau so lang
sein, wie das Meer sein soll. Die Stirnenden dieser Zylinder macht man aus sehr guten
Brettern von anderthalben Fuß. Dann bringt man in jeder Stirnwand eine kleine eiserne
Kurbel an, die einen Fuß lang sein muß. Ist das Gesagte ausgeführt, so läßt man jene Zy-
linder mit Leinwand verkleiden, die blau und schwarz bemalt ist, und an der Kante jeder
Leiste wird sie silberfarbig getupft. Von diesen Zylindern kann man so viele machen, wie
nötig sind, und sie werden gelagert auf zwei Balken, die ebenso lang sind, wie die Tiefe
des Meeres betragen soll. An ihnen bringt man die Zylinder so an, daß sie mit ihren Kur-
beln sich leicht über diesen Balken drehen. Es muß einer vom andern wenigstens einen
Fuß entfernt sein; aber wenn zwischen ihnen Menschen herauskommen sollen, die an-
scheinend aus dem Meere auftauchen, so müssen sie dem Bedürfnis entsprechend weiter
voneinander entfernt stehen. Auch muß man aufpassen, daß besagte Balken, auf denen
die Zylinder festgemacht sein sollen, ein wenig mehr als die Neigung der Bühne schräg
stehen. Um dann die Bewegung des Meeres zu zeigen, stellt man einen Mann an jede
Kurbel, aber so weit hinter die Szene zurück, daß er von den draußen Befindlichen nicht
gesehen wird. Dann läßt man langsam von jedem seinen Zylinder drehen, und auf die
Art scheint es wirklich, als ob das Meer sich bewegte.«34
Derartig detaillierte Angaben zur Konstruktion der Bühnenmaschinen, wie wir sie im
gedruckten Handbuch Sabbattinis finden, stellen bis weit ins 17. Jahrhundert eher die
Ausnahme dar. Im deutschen Sprachraum ließ der Architekt und Ulmer Stadtbaumeis-
ter Joseph Furttenbach der Ältere (1591–1667) seine in Italien gewonnenen Bühnener-
fahrungen nicht nur in seine Traktate einfließen, sondern versuchte sie auch praktisch
zu realisieren (Abb. 3 a–b).35 Im Allgemeinen hatten die Theaterarchitekten jedoch nur
wenig Interesse daran, die technischen Raffinessen ihrer Bühnenmaschinen zu ver-
raten, weil sie den intendierten Überraschungseffekt beim Publikum nicht gefährden
wollten. Dies galt in besonderem Maße für den Bereich des höfischen Theaters, in dem
die Fürsten szenisch und technisch besonders aufwändig gestaltete Theaterfeste nicht
zuletzt auch dafür einsetzten, um die politische wie ökonomische Größe und Macht
ihres jeweiligen Hofes unter Beweis zu stellen. Indem das technologische Knowhow
der Hofkünstler geheim gehalten wurde, konnte man sowohl eine Art politischer Af-
fektkontrolle über die Untertanen ausüben als auch mit anderen Höfen in Konkur-
renz treten. Man veröffentlichte Festbeschreibungen und Libretti mit Szenenstichen,
auf denen viele der optischen Effekte zu erkennen waren (Darstellungen von Him-
mel und Hölle, Wolken- und Flugmaschinen, Blitze oder plötzlich aus der Versenkung
34 Vgl. Sabbattini–Flemming 1926, S. 243–244; S. 111: Illustration zu Kap. XXIX.
35 Vgl. Furttenbach 1640, Furttenbach 1663; Furttenbach 1971; Furttenbach 2013; Berthold 1951;
Hewitt 1958, S. 178–251; Reinking 1984; Lazardzig–Rössler 2016.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur