Page - 278 - in Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa - Hof – Oper – Architektur
Image of the Page - 278 -
Text of the Page - 278 -
Dorothea Baumann
278
und 20 m hoch ist,28 folgte mit geringen Abweichungen dem Modell von San Carlo in
Neapel.29 Es bot damals 3000 Plätze (heute sind es aus feuerpolizeilichen Gründen nur
2289 Plätze).30 Das Saalvolumen beträgt 11.250
m3, die Nachhallzeit vor der Renovation
von 2004 nur 1,25–1,15 sec für 500–1000 Hz.31
Der Schall konzentriert sich in dieser Grundrissform in Zonen, die den konkav ge-
krümmten Wänden folgen, wodurch in allen Logen direkt an der Brüstung und im hin-
teren Teil des Parterres eine sehr gute Akustik entsteht. Die auch hier für die vordersten
Logenplätze gelobte Klarheit des Klanges wurde im Teatro San Carlo messtechnisch be-
stätigt.32 Die genaue Schallverteilung eines hufeisenförmigen Theaters hängt auch von
der Saalbreite, ihrem Verhältnis zur Saalhöhe und von der Deckenform ab, die in der
Scala leicht quergewölbt ist, wodurch die in der Saalmitte dünnere Lateralbeschallung
durch Deckenreflexionen zum Teil kompensiert wird.
Diese beiden Theater erreichten eine Raumgröße, welche erst seit im 19. Jahr-
hundert für die großen öffentlichen Opernhäuser üblich war und die bis Anfang des
20. Jahrhunderts nicht überschritten wurde.
3.5 Lyra- oder Glockenform
Die von der Theaterbauerfamilie Galli-Bibiena besonders gepflegte, sogenannte Lyra-
oder Glockenform bringt durch die konvexe Gegenkrümmung für die vordersten Logen
eine ausgezeichnete Sicht zur Bühne. An diesen konvexen Seitenwandflächen entste-
hen zudem zusätzliche Reflexionen, welche die Akustik im vorderen Parterre auch für
das Orchester und die Sänger verbessern. Dies sind die Gründe, weshalb Theater dieser
Grundrissform zu den akustisch Besten gehören.
Eines der schönsten Theatern dieses Typs ist das 1748 von Giuseppe Galli-Bibiena
(1696–1757) errichtete, heute noch erhaltene Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth
(siehe Abbildung 1.5 oben).33 Der Zuschauerraum ist zwischen den Rangbrüstungen
mit 12,85 m etwas breiter als die halbe Länge von 23,85 m und hat mit 9,50 m Höhe
ein Höhen-Breiten-Verhältnis von annähernd 3:4. Der 5500 m3 umfassende Saal hat
1300 Sitzplätze. Da der vorderste Saalbereich nicht mit Logen ausgestattet ist und der
28 Semper 1904, S. 484; siehe: http://www.rossinigesellschaft.de/data/pict/theater/scalap.jpg und
http://www.in-lombardia.de/images/Theater-in-Mailand%2C-Lombardei-zum-Besichtigen.jpg [letzter
Zugriff am 14.10.2016].
29 Hammitzsch 1906, S. 83–86; siehe: http://www.unav.es/ha/007-TEAT/dumont/encyclopedie-
theatres-017.jpg [letzter Zugriff am 14.10.2016].
30 Garnier 1871, Appendix.
31 Beranek 1996, S. 355.
32 Iannace 2000, S. 247.
33 Schrader 1985.
back to the
book Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa - Hof – Oper – Architektur"
Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur