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Greta Haenen
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mit Musik aus (vor allem Wiener) Klöstern mit dieser Art der Signatur nur bis 1711 ge-
führt werden.
Umgekehrt befinden sich heutzutage in der Sammlung »Hofmusik / Hofkapelle«
Teile der Schlafkammerbibliothek, und in der heute als »Schlafkammerbibliothek«
geführten Sammlung gibt es wiederum Teile der alten Hofmusikbibliothek. Im Ver-
zeichniss werden außerdem einige wenige Drucke genannt, die jetzt nicht im Be-
stand Leopoldina enthalten sind. Die Provenienz alter (Musik-)Drucke in der ÖNB
ist in vielen Fällen nicht mehr nachvollziehbar, oft existieren die Vorsatzblätter nicht
mehr. Gelegentlich wurden die alten Signaturen mit der Schere weggeschnitten;
nur selten sind so vollständig erhaltene Exemplare wie Schmelzers Violinsonaten
(N.4. N.1.) erhalten,20 deren Zugehörigkeit zur Privatbibliothek offenkundig ist. Auch
Widmungsexemplare, die nicht wie die vom Kaiser bestellten Bände gebunden sind,
werden oft nicht als »Leopoldina« geführt. Manchmal sind die Ledereinbände de-
nen der Partituren der Hofkapellbestände oder der Bibliothek Karls VI. ähnlich und
unterscheiden sich von diesen nur oder vor allem durch die Signatur der Privat-
sammlung.
Beispiele für »nicht konform gebundene«, als »Leopoldina« geführte Musikalien
bilden die Prachtexemplare der Cembalowerke Johann Jakob Frobergers, die zum Teil
Übernahmen aus der Bibliothek Ferdinands
III. sind. Das 2006 bei Sotheby’s versteigerte
Buch Frobergers mit ebensolchem roten Prachteinband (wenn auch entschieden kleiner
im Format) mit kaiserlichem Wappen wird allgemein nicht als zur Privatbibliothek ge-
hörend geführt. Hier wäre jedoch zu bemerken, dass eine Widmung
– sie fehlt
– nicht
unbedingt vorhanden sein muss, auch die Existenz einer entsprechenden Signatur ist
nicht zwingend (siehe z. B. Frobergers Libro quarto di Toccate, Ricercari, Capricci). Es
bleibt die Frage, wieso Froberger in seiner eigenen Bibliothek eine solche Reinschrift
in einem »kaiserlichen« Einband behalten würde, und ob ihm dies überhaupt gestattet
wurde. Ich halte es trotz aller Gegenargumente für nicht undenkbar, dass dieses Buch
zur Sammlung des Kaisers gehörte.21 Vielleicht gelangte die Handschrift auch erst nach
Frobergers Tod in die Bibliothek des Kaisers. Das Argument, dass französische Musik
oder Musik mit französischen Titeln am Hof nicht genehm sei, ist m.E. zu vernachläs-
sigen. Auch der Entstehungszeitpunkt spricht nicht unbedingt gegen eine Aufnahme in
die kaiserliche Sammlung. Da diese nach dem Tod seiner Söhne (allmählich) verstreut
wurde, ist es nicht unbedingt verwunderlich, dass Teile der Bibliothek außerhalb Wiens
überlebten. Einige Partituren haben die genannte Cubicularis-Signatur nicht mehr. Ei-
nige Arienbände sind schwer einzuordnen.
20 Heutige Signatur: SA.82.F.31.
21 Siehe u. a. Van Asperen 2007, u. a. mit Argumenten zur stilistischen Zuordnung. Die Sachlage ist viel
komplexer als die Dichotomie Italienisch-Französisch oder vermeintliche Rivalitäten auch auf kulturel-
lem Gebiet vermuten lassen.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur