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Elisabeth Hilscher, Anna Mader-Kratky
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andere bedeutende Gäste Zutritt hatten«,4 und den sogenannten Kammerfesten, Festen
mit eingeschränktem Zutritt und eher ›privatem‹ Charakter für die kaiserliche Familie.
Andrea Sommer-Mathis weist darauf hin, dass diese Beschränkung »nicht immer nur
mit der Dimension des jeweiligen Spielortes oder dem Charakter der Festveranstaltung
zu tun«5 hatte, sondern oft auch Mittel zur Vermeidung zeremonieller Interessenskolli-
sionen war. Dadurch wird auch verständlich, warum Fragen des Zutritts, des Vortritts
und der Sitzordnung ausgiebig in den Zeremonialprotokollen diskutiert und erläutert
wurden und Pattsituationen oft nur durch Spitzfindigkeiten gelöst werden konnten.6
Den ranghöchsten Personen standen selbstverständlich die Plätze mit der besten
Sicht auf die Bühne und mit exquisiter Ausstattung zu: So saßen sie auf einem Podest
(meist mit einem kostbaren Teppich bedeckt) auf Lehnstühlen mit Armlehnen und eine
Stufe niedrigere Personen auf Lehnstühlen ohne Armlehnen, jedoch eventuell noch
auf dem Podest. Hohe Gäste und hohe Hofämter wurden auf Bänken platziert, die
meisten mussten jedoch stehen. Der ranghöchste Platz befand sich somit genau im
Brennpunkt der zentralperspektivisch gestalteten Operndekoration7 – als Symbol für
den Herrscher, um den Hof und Herrschaft kreisen wie die Planeten um die Sonne.8
Diese Zeremonial-Sitzordnung, die den Herrscher / die Herrscherin sowohl im Fokus
der Bühnenperspektive wie des Zuschauerraumes (d. h. der Hofgesellschaft) platzierte
und Bühnenhandlung wie »Handlung« im Parterre noble an der Achse des Bühnenpor-
tals gespiegelt wissen wollte, wurde erstmals für die Aufführung von L’inganno d’amore
anlässlich der Krönung von Ferdinand IV. 1653 in Regensburg in den Zeremonialpro-
tokollen festgehalten und ist auch deutlich in den bekannten Bildern zur Aufführung
von Il pomo d’oro 1668 in Wien zu erkennen.9
Diese Sitzordnung der »höchsten Herrschaften« in der ersten Reihe mit dem Kaiser
in der Mitte blieb auch in der Folge im Wesentlichen für alle in den Zeremonialproto-
kollen verzeichneten Aufführungen unangefochten. Auch für Aufführungen in kleine-
ren Räumen wie der Retirada wurde nach diesem Grundschema für die Sitzordnung
vorgegangen, wobei die Zuschauermenge hier aufgrund des eingeschränkten Platzan-
gebots stark schwankte, die besten Plätze aber mangels Logen und Rängen tatsächlich
nur in der Mitte der ersten Reihe zu finden waren.
4 Sommer-Mathis 1995, S. 515.
5 Ebd.
6 Sommer-Mathis 1995 führt auf den Seiten 516–532 etliche Präzedenzfälle an, die mit zeremoniellen
Finten entschärft werden mussten, damit aus Rangstreitigkeiten keine diplomatischen Verwicklungen
wurden.
7 Ebd., S. 516.
8 Man denke an die oft zitierten Worte von Erasmus von Rotterdam: »Was Gott für das Weltall, was die
Sonne für die Erde, was das Auge für den Körper, das muss der Fürst für den Staat sein.« Erasmus von
Rotterdam, Fürstenerziehung, zitiert nach Stern 1986, S. 12.
9 Vgl. dazu den Beitrag von Susanne Rode-Breymann in diesem Band, S. 23.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur