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KAVALIERSTHEATER AM HOF MARIA THERESIAS
ZWISCHEN KAISERLICHER KULTURPOLITIK UND
TRADITIONELLER HÖFISCHER REPRÄSENTATION
Karin Fenböck
Noch Ende des 17. bzw. Anfang des 18. Jahrhunderts war ein Einfluss französi-
scher Theaterkultur am Wiener Hof aufgrund der antifranzösischen Außenpolitik
der Habsburger höchstens unterschwellig spürbar. Italienische Oper und mit ihr
auch italienisch geprägter Gesellschafts- wie der Theatertanz gehörten noch unter
Karl VI. (1685–1740) zu den bevorzugten Unterhaltungsformen.1 Unter Kaiserin Ma-
ria Theresia (1717–1780) begann eine außenpolitische Neuorientierung gegenüber
Frankreich, die letztlich im renversement des alliances ihren Höhepunkt finden soll-
te.2 Zugleich lässt sich am kaiserlichen Hof sowie in der Residenzstadt Wien auch
eine kulturelle Annäherung an Frankreich feststellen. Gerade das höfische Theater
spielte dabei eine wichtige Rolle im französisch-österreichischen kulturellen Trans-
fer.3 Theatrale Darbietungen fanden in der Hofburg und im 1745 eigens errichte-
ten Schlosstheater in Schönbrunn, aber auch in kleineren kaiserlichen Residenzen
wie Schloss Holitsch und Laxenburg statt.4 Diese Aufführungen wurden nicht nur
von den vertraglich dazu verpflichteten Ensembles des vom Hof finanzierten Wiener
Theater nächst der Burg bzw. des Kärntnertortheaters bestritten.5 Ein kleiner Kreis
hochadeliger DarstellerInnen und sogar Mitglieder der kaiserlichen Familie standen
im Rahmen von Kavalierstheateraufführungen oder sogenannten Kammerfesten auf
der Bühne. Je nach Anlass und Stück wurden dabei verschiedene Räumlichkeiten
zu Spiel-Räumen adaptiert und einem sorgfältig ausgewählten Publikum zugänglich
gemacht.6
Eine wichtige Quelle für die Nutzung der Räumlichkeiten der kaiserlichen Re-
sidenzen stellen die Zeremonialprotokolle dar, in denen jeden Tag alle Handlungen
der kaiserlichen Familie sowie alle Ereignisse am Hof aufgezeichnet wurden, die dem
1 Vgl. Dahms 2001, S. 110.
2 Vgl. Braun 2008, S. 91.
3 Vgl. ebd., S. 154–155.
4 Schloss Holitsch (Hólič, heutige Slowakei), eine der Herrschaften Franz Stephans. Vgl. Mrva 2000,
S. 162–165 sowie Serfőző 2009, S. 315–339. Zu den höfischen Theateraufführungen in Holitsch bzw.
anderen Adelstheateraufführungen vgl. Staud 1977.
5 Vgl. Hadamowsky 1994, S. 205.
6 Vgl. Kunz 1958, S. 3–71. Einige Abschnitte dieses Beitrags wurden meiner unveröffentlichten Doktor-
arbeit entnommen: Fenböck 2013.
Veröffentlicht in: Margret Scharrer, Heiko Laß, Matthias Müller: Musiktheater im höfischen
Raum des frühneuzeitlichen Europa. Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2019.
DOI: https://doi.org/10.17885/heiup.469
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur