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»Meisterstücke der Erfindung« und konkrete Wirklichkeit
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aufgegriffen. Die daraus resultierende Wiedererkennbarkeit der Bühnenbilder als »bi-
bienesk« war durchaus beabsichtigt und begründet nicht zuletzt bis heute die vielfälti-
gen Zuschreibungsprobleme unsignierter Blätter. Gerade die Wiedererkennbarkeit ga-
rantierte den Auftraggebern, dass auch in ihrem Theater Bühnenbilder der »Marke Galli
Bibiena« zu sehen waren, ein damals gehandelter Wert. Überall dort, wo die Galli Bibiena
beschäftigt waren, haben die Opernbesucher ähnliche Bühnenbilder gesehen, die durch
ihre Vergleichbarkeit quasi universell einsetzbar waren. Bühnenbilder der Marke Galli
Bibiena bedeuteten äußerste Intensität, erzeugt durch architektonische Überwältigung,
die ihrerseits dem zu schaffenden Bühnenraum
– dem in der Opera seria geltenden fürst-
lich-herrschaftlichen Bereich – Ausdruck verlieh. Übersteigerungen und Übertreibun-
gen wurden nicht als Manko wahrgenommen, im Gegenteil, das Verkomplizieren der
Architekturen, das Ausreizen der gestalterischen Möglichkeiten galt als Qualitätsmerk-
mal. Dadurch erschien die Bühnenwelt von den Gegebenheiten des Alltags distanziert
und einer höheren Wirklichkeit zugeordnet. Und genau in diesem Sinne bezeichnete
Johann Adam Miedel, der mit großem Stolz erfüllt war, »ein Freund des großen Künst-
lers Bibienna« zu sein, das Eingangsbild für Ezio als ein »Meister Stück der Erfindung«.
Der Sonnentempel im Neuen Schloss der Eremitage:
ein Bayreuther Bauwerk auf der Opernbühne
Zurück zur Oper Semiramis im Jahr 1753. Als viertes Bild sollte die Verwandlung
einen »Tempel der Sonne« zeigen (II. Akt, 1. Szene) [Abb. 3, siehe S. 515].23 Carlo
hat dieses Mal eine verblüffend unaufgeregte Darstellung gewählt. Im Zentrum – in
den Bildmittelgrund gestellt – öffnet sich der Sonnentempel auf einem 6-eckigen
Grundriss in hohen Arkaden nach allen Seiten, bekrönt von einem Sonnensymbol
im Strahlenkranz über der Kuppel. Auf beiden Seiten wird der freistehende Tempel
von vorspringenden Gebäudeflügeln flankiert, ohne dass deren Aussehen näher zu
bestimmen wäre. Anders als bei den bisherigen Beispielen dominiert hier Leere an-
stelle von Fülle. Der klar überschaubare Bildaufbau tritt an die Stelle von vielfältigen
Überschneidungen und dichtem Gedrängtsein einzelner architektonischer Elemente.
Carlos Zurückhaltung ist allein schon deshalb bemerkenswert, da der »Tempel der
Sonne« ein besonderer Ort für den Fortgang der Handlung ist. Hier nämlich kündigt
sich die entscheidende Wende der Geschichte an. Ein vom Hohepriester verkünde-
tes Orakel besagt, dass der Geist des ermordeten Ninus erst dann zur Ruhe kom-
men werde, wenn sich die Königin ein zweites Mal mit ihm vermählt haben werde.
Am Ende wird sich der Sinn des Spruchs enträtseln: Semiramis wird unerkannt und
23 Feder in Braun, 322
×
379 mm, Montréal, Collection Centre Canadien d’Architecture, DR: 1961: 0003; vgl.
hierzu Ball-Krückmann 2009, S. 252–253.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur