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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa - Hof – Oper – Architektur
Seite - 523 -
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»Meisterstücke der Erfindung« und konkrete Wirklichkeit 523 aufgegriffen. Die daraus resultierende Wiedererkennbarkeit der Bühnenbilder als »bi- bienesk« war durchaus beabsichtigt und begründet nicht zuletzt bis heute die vielfälti- gen Zuschreibungsprobleme unsignierter Blätter. Gerade die Wiedererkennbarkeit ga- rantierte den Auftraggebern, dass auch in ihrem Theater Bühnenbilder der »Marke Galli Bibiena« zu sehen waren, ein damals gehandelter Wert. Überall dort, wo die Galli Bibiena beschäftigt waren, haben die Opernbesucher ähnliche Bühnenbilder gesehen, die durch ihre Vergleichbarkeit quasi universell einsetzbar waren. Bühnenbilder der Marke Galli Bibiena bedeuteten äußerste Intensität, erzeugt durch architektonische Überwältigung, die ihrerseits dem zu schaffenden Bühnenraum  – dem in der Opera seria geltenden fürst- lich-herrschaftlichen Bereich  – Ausdruck verlieh. Übersteigerungen und Übertreibun- gen wurden nicht als Manko wahrgenommen, im Gegenteil, das Verkomplizieren der Architekturen, das Ausreizen der gestalterischen Möglichkeiten galt als Qualitätsmerk- mal. Dadurch erschien die Bühnenwelt von den Gegebenheiten des Alltags distanziert und einer höheren Wirklichkeit zugeordnet. Und genau in diesem Sinne bezeichnete Johann Adam Miedel, der mit großem Stolz erfüllt war, »ein Freund des großen Künst- lers Bibienna« zu sein, das Eingangsbild für Ezio als ein »Meister Stück der Erfindung«. Der Sonnentempel im Neuen Schloss der Eremitage: ein Bayreuther Bauwerk auf der Opernbühne Zurück zur Oper Semiramis im Jahr 1753. Als viertes Bild sollte die Verwandlung einen »Tempel der Sonne« zeigen (II. Akt, 1. Szene) [Abb.  3, siehe S.  515].23 Carlo hat dieses Mal eine verblüffend unaufgeregte Darstellung gewählt. Im Zentrum  – in den Bildmittelgrund gestellt  – öffnet sich der Sonnentempel auf einem 6-eckigen Grundriss in hohen Arkaden nach allen Seiten, bekrönt von einem Sonnensymbol im Strahlenkranz über der Kuppel. Auf beiden Seiten wird der freistehende Tempel von vorspringenden Gebäudeflügeln flankiert, ohne dass deren Aussehen näher zu bestimmen wäre. Anders als bei den bisherigen Beispielen dominiert hier Leere an- stelle von Fülle. Der klar überschaubare Bildaufbau tritt an die Stelle von vielfältigen Überschneidungen und dichtem Gedrängtsein einzelner architektonischer Elemente. Carlos Zurückhaltung ist allein schon deshalb bemerkenswert, da der »Tempel der Sonne« ein besonderer Ort für den Fortgang der Handlung ist. Hier nämlich kündigt sich die entscheidende Wende der Geschichte an. Ein vom Hohepriester verkünde- tes Orakel besagt, dass der Geist des ermordeten Ninus erst dann zur Ruhe kom- men werde, wenn sich die Königin ein zweites Mal mit ihm vermählt haben werde. Am Ende wird sich der Sinn des Spruchs enträtseln: Semiramis wird unerkannt und 23 Feder in Braun, 322  ×  379 mm, Montréal, Collection Centre Canadien d’Architecture, DR: 1961: 0003; vgl. hierzu Ball-Krückmann 2009, S. 252–253.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa Hof – Oper – Architektur
Titel
Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Untertitel
Hof – Oper – Architektur
Autoren
Margret Scharrer
Heiko Laß
Herausgeber
Matthias Müller
Verlag
Heidelberg University Publishing
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-SA 4.0
ISBN
978-3-947732-36-4
Abmessungen
19.3 x 26.0 cm
Seiten
618
Schlagwörter
Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
Kategorie
Kunst und Kultur
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