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»Meisterstücke der Erfindung« und konkrete Wirklichkeit
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Im Vorwort zu Amaltea, der letzten Oper, die zu ihrer Zeit im Markgräflichen Opern-
haus zu sehen war, benennt Markgräfin Wilhelmine einem Resümee gleich, die Auf-
gaben der Oper: »[…] Das Operntheater erfordert etwas Großes in dem Äußerlichen
der Vorstellung. Die Augen und das Gemüthe müssen auf gleiche Weise gerührt wer-
den; jene durch das Neue und durch das Wahre in der Nachahmung; dieses durch die
Musick, und durch die Schilderung der verschiedenen Leidenschaften, die man auf-
führt. […].«45 Die postulierte Gleichberechtigung zwischen Musik, Gesang, Schauspiel
auf der einen und der Bühnenausstattung auf der anderen Seite spiegelt Wilhelmines
eigene Erfahrungen wider und ist gleichzeitig eine Reflexion der gängigen Praxis: der
bildlichen Ausstattung der Bühne wurde mit Beginn der Opernentwicklung sofort ein
breiter Raum gewährt. Die »Theatralarchitekten« gestalteten opulente, in ihrer Ar-
chitektur übersteigerte Herrschaftsräume, die zugleich eine ideelle Verbindung zwi-
schen dem Fürsten und dem Helden der Handlung herstellten. Sie sind Ausdruck des
von Wilhelmine geforderten »Neue[n]«, Überraschenden auf der Bühne, dem auch
die Bayreuther Bühnenbilder entsprochen haben. Wilhelmine selbst unterstreicht die
Wertschätzung, die sie der visuellen Ausgestaltung der Oper entgegenbringt, noch ein-
mal dadurch, dass sie für Amaltea gleich neun Verwandlungen festlegte. Am Beispiel
der Bayreuther Bühnenbilder lässt sich darüber hinaus nachvollziehen, wie eng die
Verzahnung zwischen dem Geschehen auf der Bühne und der Lebenswirklichkeit der
Auftraggeber sein konnte. Für das Markgrafenpaar war es sicherlich reizvoll, in der so
herausgehobenen Sphäre des Opernhauses im Musikdrama gleichsam sich selbst zu be-
gegnen. Für die geladenen Gäste dagegen reichte die Präsenz der fürstlichen Herrschaft
bis ins »Schauspiel« hinein, wie auch das »Wahre« von dem Wilhelmine spricht, damit
überprüfbar wurde.
Gestaltet wurden die Bühnenräume von Carlo Galli Bibiena, der sich einmal mehr
in die von seiner Familie entwickelte Bildtradition hineinstellte und der zugleich bei
aller eigenen Erfindungsfreude Anleihen in der fürstlichen Umgebung nahm, was
neben dem künstlerischen Reiz die Erweiterung des imaginierten Raumes um eine
nachvollziehbare realistische Komponente mit sich brachte.
45 Zitiert nach Krückmann 1998, Kat. Nr. 259.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur