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Bastion der Einheit von denWogen desWeltkriegs unbeeinflusst bleibt. Viel-
mehrwerdenBezügeder Schweizmit demAuslandherausgearbeitet undEin-
flüsse vonaussen aufgezeigt.Wiebei denDarstellungenzumErstenWeltkrieg
werden diese Einflüsse jedoch nur punktuell als eventuelle Gefährdung der
Neutralität gedeutet.
Wie spiegeln sichnundie eingangs erwähntenKontroversenüberdieRolle
derSchweiz imZweitenWeltkrieg indenLehrmitteldarstellungenwieder?Fünf
Lehrmittel gehen namentlich darauf ein, wobei eines, das Lehrmittel, Hin-
schauen und Nachfragen, sogar eigens zu dem Zweck konzipiert wurde, die
neuenErkenntnisse zur Schweiz imZweitenWeltkrieg zuvermitteln.92 ImAb-
schnitt »Geschichte kontrovers«machtdieses Lehrmittel dieDiskussionenum
dieRollederSchweizimZweitenWeltkriegselbstzumThema.93Danebenfinden
dieKontroversennoch invier weiteren Schulbüchernnamentlich Eingang. So
heisstesimLehrmittelWeltgeschichteimBild9,esseienneueErkenntnisseüber
den Goldhandel zwischen der Schweiz und demDeutschen Reich gewonnen
worden,diedieSchweiz ineinmoralischfragwürdigesLicht rückten.»Wieweit
[…]diewirtschaftlichverständlicheBeziehungmiteinemskrupellosenRegime
führen konnte, musste die Schweizer Bevölkerung in den letzten Jahren zur
Kenntnisnehmen.Geschichtsforscher entdecktennämlich, dassnicht nurMa-
schinenundKohle, sondernauchGoldgeliefertwurde.«UndeinigeAbschnitte
weiter: »War es […] geraubtes Geld, dasDeutschland der Schweiz verkaufte?
Machte sich die Schweiz derHehlerdienste schuldig, wenn sie nicht ernsthaft
nachdessenUrsprung fragte?«94DasLehrmittelwirft dabeidieFragenachder
Moral der Schweiz in denRaum, verpasst aber gleichzeitig eine tiefergehende
Auseinandersetzungmit demThema, so etwa eine Diskussion der Frage, in-
wieweit der Gold- und Devisenhandel mit den Nationalsozialisten mit der
neutralen Position des Landes vereinbar sei. Auch wird die Frage nach der
Herkunft des Goldes lediglich verklärend beantwortetmit demHinweis,man
hätte »allgemeinwissenkönnen,dassdieGestapo inDeutschlandunddenbe-
setztenGebietendieLeuteauspresste«95.
DiesesBeispielwirftabschliessenddieFrageauf,wievielKritikamfrüheren
Mythos der unbeteiligten Schweiz, wie viel Dekonstruktion tatsächlich in den
heute verwendeten Lehrmitteln steckt. Die Analyse des hier vorliegenden
Samples zeigt, dass grundsätzlich eineOffenheit für die Integrationkritischer
Elemente besteht. So kommt etwa in zahlreichen Lehrmitteln die restriktive
EinreisepolitikderSchweiz inBezugauf jüdischeFlüchtendezurSprache, dies
92 Bonhage u.a., Hinschauen und Nachfragen; Zur Entstehung des Lehrmittels: Gautschi,
Geschichtslehrmittel, 182.
93 Bonhageu.a.,HinschauenundNachfragen, 62ff.
94 BühlerundUtz,Weltgeschichte imBild9, 118f.
95 Ebd., 119.
JuliaThyroff178
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher