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und statisch, bleibe »an einemOberflächenphänomen haften, das leicht my-
thologisierbarwird«.98DieWeltkriegeimBesonderenwürdendabeithematisiert
alseineZeit, indersichdieseNeutralitätzubewährenhatte.99Auchfürdashier
betrachtete Sample gilt, dass der Begriff derNeutralität zwar hier undda ein-
geworfen wird, allenfalls punktuell Verletzungen der Neutralität konstatiert,
dabei aberkaumeinmaldie zugrunde liegendenPrämissen einerNeutralitäts-
politik ausgeführt werden. Insofern ist Neutralität zwar ein fortwährend auf-
tauchendes Schlagwort, bleibt konzeptionell jedoch imDunkeln, wird weder
systematischerklärtnochinFragegestelltundbleibtdamitvondenLehrmitteln
letztlichunangetastet.
Angesichts diesesBefunds stellt sich erneut die eingangs formulierte Frage,
wie sichLehrmittel in einemvonaussenangestossenenProzess derUmgestal-
tung vonMythen verhalten. Bedienen sie sich eher der über Jahrzehnte tra-
diertenMythenoderaberkritisierenundreflektierensiedieseaufBasisneuerer
Erkenntnisse? Eine Antwort fällt schliesslich nicht eindeutig aus. Die in der
Vergangenheit geführten öffentlichenDebattenüber die Rolle der Schweiz im
ZweitenWeltkrieghabeneinerseits durchausEinzug indieneuerenLehrmittel
gefundeninFormeinerRelativierungdesbekanntenMythosundErgänzungdes
traditionellen Themenkanons, etwa um aussenwirtschaftliche Verflechtungen
undFlüchtlingspolitik.Neu ist auch, dass dieDebatten selbst in einigenLehr-
mittelnzumGegenstandwerdenundsogarpunktuelldieälterenMythenexplizit
alsMythen benannt werden.100 ImGegenzug dazu sind traditionelle Themen,
wieetwadiewehrhafteSchweiz,MobilmachungundR8duit,nichtgänzlichaus
denLehrmitteln verschwunden, sondern inAnsätzen immer nochvorhanden.
Auch lässt sich feststellen, dassNeutralität nachwie vor als Konzept von den
Lehrmittelnnicht explizit benanntoder gar relativiertwird. Insofern lässt sich
keine radikaleNeuausrichtung inderLehrmittellandschaft feststellen, sondern
vielmehr ein pluralesNebeneinander von Elementen aus jahrzehntealtenMy-
thenundAnsätzenzuderenDekonstruktion.
Dieser Befund erscheint plausibel angesichts der Rolle, die Geschichtslehr-
mittel in einerGesellschaft einnehmen.Einerseits sollen sieLernendenbeider
Enkulturation in eine Gesellschaft behilflich sein, andererseits wird an Lehr-
mittel in den letzten Jahren zunehmend auch die Forderung herangetragen,
Geschichtsbewusstsein zu fördern.101 Innerhalb dieser teilweise gegenläufigen
Anforderungenmüssen sichLehrmittel einpendeln.Ginge es ihnenausschliess-
lichumdieFörderungvonIdentität, sowäredasunhinterfragteVerwendenund
98 Ebd., 232ff., 238, 258, 260,Zitat: 238.
99 Ebd., 232ff.
100 Meyeru.a.,DieSchweizund ihreGeschichte,143.
101 SoetwaGautschi,Geschichtslehrmittel, 181f.
JuliaThyroff180
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher