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schen fachdidaktische Lösungen in den 1950er Jahren vorschlug, hatte über
JahrzehntenachhaltigeFolgen,diebisheutenichtüberwundensind:
Esverfälschtnicht, sondernelementarisiertnur,wennwir statt ›DrittesReich‹Hitler-
Reichsagen.Es istnichtunhistorischundgeschichtsfremd,wennwirdasVerständnis
für dasÜberindividuelle dadurch zu erwecken suchen, daßwir es individualisieren,
d.h. in stellvertretende Personen [die dasÜberindividuelle repräsentieren] versinn-
bildlichenundvergegenwärtigen.50
NachRothwäre es seine»berechtigteDenkhilfe«,welche
durchaus die Sachlage trifft, […] daß in einem stellvertretende Handelnden oder
stellvertretendseineZeit repräsentierendenEinzelmenschendieganzeZeitgeschichte,
derganzeobjektiveGehalt,denwirjeweilsmeinen,persönlichanschaulichundfaßbar
wird.51
IndemerdenBlick auf die FragederLehrbarkeit reduziert, verkenntRoth aus
heutiger Perspektivedie in späterenDiskussionen stets betontenunzulässigen
und gebeugten narrativenVerkürzungen, die gerade in demhier diskutierten
Fall Hitler zum alleinigen und allumfassenden Agens der Geschichte des Na-
tionalsozialismusstilisieren.
Die österreichischen Schulbücher waren lange Zeit ein Abbild dieser Ten-
denzen, die ihreWurzeln – someine Interpretation– sowohl in fachlichen als
auch fachdidaktischen Entwicklungssträngen hatten. Dies kann man in den
Schulbüchernder1970er Jahreausmachen,diesichnachderEinschätzungvon
ReinhardKrammerüberwiegendaufderselbenEbenebewegen:
DieAlleinverantwortung für dieVerbrechen –dieVernichtung der Judenwurde zu-
meist eher enpassant erwähnt –wurdeweiterhinAdolfHitler zugeschrieben, dessen
Abneigung gegen alles ›Fremdrassige‹ unddessenHass auf das ›Weltjudentum‹ ›un-
verkennbare Anzeichen eines schwergestörten Innenlebens‹ erkennen ließen. ›Ein-
deutig pathologischeZüge‹ – so lautete derBefundder Schulbücher bei nähererBe-
trachtung des Hitler’schen Charakters. Allenfalls einigeMänner, die Hitler um sich
scharteunddie ebenfalls einenunheilvollenEinflußaufdasdeutscheVolkausübten,
›kalteFanatiker‹, vomEhrgeizGetriebene,ZynikerundPhantasten, (…)zwielichtige,
mitunter kriminelle oder aus ihrer Bahn geworfene Existenzen träfe eine gewisse
Mitschuld.52
50 HeinrichRoth,.KindundGeschichte. PsychologischeVoraussetzungendesGeschichtsunter-
richts inderVolksschule,München:Kösel, 2.Auflage1958, 110.
51 Ebd.
52 ReinhardKrammer, »NationaleAmnesieunddieStrategiedesGeschichtsunterrichtes. Ein
österreichischer Sachverhalt«, in: Christian Giordano u.a. (Hg.), Trugschlüsse und Um-
deutungen.Multidisziplinäre Betrachtungen unbehaglicher Praktiken, Münster/Wien: Lit,
2009, 55–66, 57.
ChristophKühberger194
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher